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Re-Performances: Wieder-Belebungen
"Neu"-Aufnahmen legendärer Einspielungen: Herbert von Karajans Tschaikowsky (1984) expandiert von Stereo auf echten Musikvereins-Surroundsound und Glenn Goulds "Goldberg-Variationen" - Mono, 1955 - ertönen plötzlich in Surround, Stereo und binaural - und das in SA-CD-Qualität! Ludwig Flich berichtet.
Wenn es um die
Neuvermarktung von länger ungenütztem Musikmaterial geht, entwickeln manche Firmen ungeahnte Kreativität. In der ersten Reihe befindet sich da Sony-BMG, die gleich mit zwei Legenden an den Start geht: mit Glenn Gould und Herbert von Karajan.
Der 100. Geburtstag war der Anlass für das Projekt mit dem interessanten Titel: "Herbert von Karajan von b-sharp zum Leben erweckt". Die Berliner Musikproduktionsfirma b-sharp hat sich auf Aufnahmen und Nachbearbeitung von klassischer Musik spezialisiert.
Bei den Tschaikowsky-Symphonien, die im "Goldenen Saal" des Musikvereins mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen wurden, fehlte 1984 noch das totale Surround-Bewusstsein. Die DVDs kamen in Stereo und etwas artifiziell klingendem Dolby Digital auf den Markt.
Hier sieht man die Protagonisten von Adam Audio und b-sharp auf dem Podium der Berliner Philharmonie im Einsatz. Soweit auf einem leider nicht abrufbaren Bild auf der b-sharp-Website zu erkennen, standen vier Monitore als "Orchester" für die Wiedergabe der Originalbänder im Einsatz. Foto: b-sharp/Recording Magazin 10/2007
Lautsprecher im Saal und Neuaufnahme mit moderner Surround-Mikrofonierung
Die Spezialität der Neuabmischung bestht nun darin, durch "geschickte Lautsprecheranordnung einen flächigen und frequenzmäßig ausgewogenen Klang im Saal zu erzeugen. In direkter Abnhöngigkeit vom Original wurde das eingespielte Signal mit einer orchesterähnlichen Mikrofonierung wieder aufgenommen und neu abgemischt." So der DVD-Begleittext. So wurde u.a. mit einem Matrix-generierten Centerkanal gearbeitet, um dem Klang mehr Homogenität zu verleihen.
In der neuen Surround-Abmischung sei nun die "echte" Saalakustik ebenso als Verbesserung zu bemerken wie ein "angenehm nach unten erweitertes Frequenzspektrum", was soviel heißt, dass die Saalresonanzen dem Klang mehr Fülle verleihen.
Wie original ist danach das Original?
Wenn wir den Digitalbändern von 1984 unterstellen, dass sie nicht an digitalem Datenverlust litten, so gibt es ein Nadelöhr: die Wiedergabekette. ADAM Audio lieferte die Aktiv-Lautsprecher, welche offenbar in einer speziellen Aufstellung auf dem Orchesterpodium platziert wurden. Aus klanglicher Hinsicht konnte wohl nur die Stereo-Abmischung oder die ihr zugrundeliegenden Mehrspur-Versionen herangezogen werden.
Der Maximalpegel wurde nun an realistische Orchesterlautstärke angepasst, die neuen Mikrofone im 5.0-Setup platziert - und dann tönte die Musik und erfüllte den Saal.
Dieser Weg ist philosophisch einerseits lebensechter, da er die Originalakustik der Säle verwendet, andererseits bedient er sich - zwar hochwertiger - Lautsprecher mit einem gewissen Verfälschungspotenzial.
Die gerade umgekehrte Idee wurde mir von den EmilBerliner-Studios geschildert. Hier nimmt man - ohne akustische Umwege - das Originalband und schickt es durch eine digitale Simulations-Software, in der sämtliche Akustik-Parameter großer Konzertsäle enthalten sind.
Was klingt echter?
Die Aufnahmen kommen dieser Tage in den Handel. Sobald ich ein Exemplar bekomme, werde ich berichten,
ob sich die klangliche Expansion vorteilhaft bemerkbar macht, oder ob die digitale Zwischenlagerung und akustische Lautsprecher-Illusion als emotionaler Puffer wirken. Warum die Produzenten wiederum Dolby Digital und nicht auch das klanglich vorteilhaftere dts als Surround-Transporteur ihrer Neufassung wählten, bleibt mir allerdings schleierhaft.
Tschaikowsky Symphonien Nr. 4, 5 6 - Karajan, Wiener Philharmoniker
SONY BMG 88697198449
(2 DVDs)
Glenn Goulds Einspielung der Goldberg-Variationen gilt als Meilenstein der Schallplattengeschichte. Bachs Schlummermusik für die Nachteule Graf Keyserlingk wurde niemals davor und auch selten danach so schlüssig, in einem Guss und so unverwechselbar eingespielt.
Das Originalband weist allerdings unvermeidbare Abnützungserscheinungen auf, und auch der Klang - erstens Mono, zweitens von Rauschen und noch mehr Gould unverwechselbarem Singsang untermalt - lässt audiophil einiges zu wünschen übrig.
Das Bandrauschen hätte man wahrscheinlich in den Griff bekommen, aber gegen Mono ist kein ernstzunehmendes Heilmittel gewachsen. So entschloss sich Zenph (was bewusst so klingt wie "Senf"), eine amerikainische Spezialistenfirma für digitale Restaurierungen, zu einer radikalen Neulösung.
Goulds Klavieranschläge sollten aus dem bisherigen Klang herausgeschält werden und störungsfrei - nur als Musik - erklingen. Dafür beschäftigte man ein ausgefuchsten Computerprogramm, das alle Anschlagsnuancen speicherte und als MIDI-files ausgab.
Menschliches Feintuning für den vierfachen Vergleich
Ein alter Tonmeister, der noch Gould persönlich gekannt hatte, wurde auserwählt, die Neufassung genau mit dem Orginal zu vergleichen. Denn der PC hätte vielleicht ein Störgeräusch hier, ein Summen Goulds dort, als (falschen) musikalischen Impuls speichern können. Als nach menschlichem Ermessen die Neufassung genau dem Orginal entsprach, wurde ein Yamaha-Digitalflügel mit den verfeinerten MIDIs gefüttert.
In einer Akustik, die jener in Goulds Studio weitgehend entsprechen sollte, erfolgte die Aufnahme. Sie liegt gleich in vier Versionen vor: in moderner DSD-Multikanal-Technik (5.0), dazu in DSD-Stereo, CD-Stereo und schließlich auch in einer Kunstkopf-Version für Kopfhörer, bei der man selbst - als Gould-Reinikarnation - am Flügel sitzt!
Spielt hier Gould oder der Computer?
Schon bei der "Aria", der alle Variationen zugrunde liegen, vermeint man, dem Pulsschlag Goulds auf der Spur zu sein. Zwar knarzt nicht sein niedriges Klavierstockerl, zwar brummt und summt niemand mit, aber der Gould-Kenner fühlt sich bald daheim. Der Yamaha wirkt zwar fülliger und auch ahlliger aufgenommen als der originale Steinway, aber man fühlt doch die Präsenz des "wiedererstandenen" Klaviergenies Gould.
Bis man beginnt, stückweise zu vergleichen.
Die langsamen Variationen wirken sehr, sehr ähnlich, aber bei den schnellen macht sich rasch das Gefühl breit, dass das Original ein besseres Timing besitzt als die Re-Performance. Mag sein, dass der alte, etwas scheppernde, cembalo-erinnernde Klavierklang Klirr-Impulse an den richtigen Stellen setzt, und der saubere, moderne Flügel einfach nur klare Akzente setzt, aber der Swing, der Teil unserer langen Wahrnehmung des Originals wurde, bleibt auf der Senf-Version etwas unterspielt.
Dennoch ein Experiment, das Sony wieder ins Gespräch bringt, und dem bald ähnliche SA-CDs, auch mit bekannten historischen Jazz-Pianisten - folgen sollen.
Glenn Gould Goldberg Variationen - Zenph Re-Performance
Sony BMG 88697 03350 2 (SA-CD/CD)

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