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Nr. 20

EXPERT:
SURROUND SOUND

Vom Himmel hoch, da komm ich her - ungewöhnliche Surround-Systeme

Wenn Sie meine SACD-Beschreibungen von den neuen Telarc-Veröffentlichungen - Berlioz' "Symphonie Fantastique" und Tschaikowskys "Ouvertüre 1812" - gelesen haben (oder noch im Archiv nachschauen möchten), dann wissen Sie: Telarc meint, dass man das Musikvergnügen erheblich steigern kann, wenn man eine Höhen-Information dazufügt.
Konkret schaut das so aus, dass man in etwa auf halbem Weg zwischen Frontboxen und Surroundboxen ganz oben an beiden Seitenwänden zwei zusätzliche Böxchen befestigt.
Die passende Information liefert Telarc über den Subwoofer-Ausgang.
Das geht deswegen, weil diese amerikanische Firma davon überzeugt ist, dass ein Subwoofer in einer audiophilen Kette als Verstärkung und Abrundung der Frontboxen gedacht ist und nicht als Knallerbse, die bei jedem Kontrabass-Einsatz explodiert. Für Film gelten andere Gesetze als für Musik.
Dieser Höheneindruck, der etwa die Kanonenschüsse in der "1812er" scheinbar über den Hörer sausen lässt, faszinierte seit geraumer Zeit auch eine bekannte deutsche CD-Firma: Dabringhaus & Grimm.
Diese beiden Aufnahme-Meister aus Detmold, die seit Jahren durch ihre klassischen Klangwelten in ausgefeilter Mikrofon-Technik aufgefallen waren, nutzten die ersten Meldungen von der neuen DVD, um ihre spezielle Surround-Version zu entwerfen.
Da die DVD-Video ja in ihrer 5.1-Version auf Dolby Digital eingeschworen ist und ein derartiges Datenreduktions-Verfahren für wahre Audiophile nicht in Frage kommt, weil dazu auch die SACD in ihrer Startzeit noch nicht in MultiChannel tönte, setzten D&G auf die DVD-Audio. Freilich ohne das klangmordende "Watermarking"
Ihre sechs Kanäle stützen sich - wie die alte Quadrophonie - auf vier gleichwertige Kanäle, zwei vorne, zwei hinten. Der Center wird, so Dabringhaus, bewusst weg gelassen, da er als Monokanal in der Mitte nur eine Reduktion der Stereo-Wirkung brächte.
Dafür nutzt man die Informationen des Subwoofer- und Center-Kanals für zwei, etwa ein Meter über beiden Frontlautsprechern aufgestellten Zusatz-Boxen, die den Raumhall in die Höhe hin definieren und ebenfalls nicht groß sein müssen.
Sehr effektvoll wirkt das "2+2+2"-System dann, wenn etwa ein Solist vorne quasi auf Ohrhöhe sitzt, dann ein Orchester dahinter, vielleicht gar auf Stufen, sitzt, im Hintergrund ein Chor dazutritt und oben plötzlich die Orgel einsetzt.
Bis auf Kirchen-Messen, Renaissance-Stücke und Mahlers Achte Symphonie gibt es in der klassischen Musik für die Maximallösung allerdings nicht viele Beispiele, aber es bringt doch bei jeder Musik eine Verfeinerung der Hallinformationen im Bühnenbereich.

Bühnenhall und Surround-Musiker
Das genau beschäftigte auch die in New York beheimateten Chesky-Brüder. Auf der Bühne entsteht nicht nur die höchste Schall-Energie, hier entscheidet sich auch viel über die Nachhall-Eigenschaften im Saal. Die Cheskys meinen allerdings, dass jeder Lautsprecher auch eine gewisse Höhen-Simulation automatisch durch seine Abstrahl-Charakteristik mitbringt. Man hört ja nicht bloß rechts und links, bei guten Anlagen scheinen ja die Musiker durchaus vorne zu stehen oder zu sitzen.
Die Cheskys vermitteln ihren perfekten Bühnen-Eindruck durch zwei zusätzliche Boxen etwas seitlich außen von beiden Frontboxen und ebenfalls über Ohrhöhe. Dazu verwendet ihre Anordnung ebenfalls das umgewidmete Kanal-Paar Center und Subwoofer.
Tacet, eine andere audiophile Hochburg aus der Stuttgarter Gegend, akzeptiert zwar die klassische 5.1-Aufstellung; doch setzt der Chef Andreas Spreer mit seinem "Real Surround" auf ein total ungewohntes Hör-Erlebnis. Hier sitzt der Hörer inmitten der Musiker (s. Skizzen), und ob man nun Bach oder Schubert lauscht, so kann man sich beinahe selbst als Musiker fühlen.

Illusion aus nur zwei Kanälen
Surround-Simulation mit nur zwei Lautsprechern erlebt in der Computer-Peripherie eine gewisse Renaissance, und Trick-Schaltungen für "Aus-zwei-mach-fünf" werden auch bei DVD-Playern gang und gäbe. Hier darf man allerdings nicht erwarten, dass die Effekte genau so realistisch kommen wie bei gut aufgestellten fünf Boxen, aber für eine kleine Erweiterung der Klangbühne reicht es schon. Bei Filmen, deren Effekte oft bewusst überzeichnet werden, können diese Schaltungen effektvoll tönen, bei Musik zieht es immer Teile nach hinten.


Das sind Tacets Hör-Eindrücke bei den "Brandenburgischen Konzerten" von Bach. Der Hörer - immer in der Mitte zwischen den fünf Lautsprechern in klassischer 5.1-Aufstellung - wird im ersten Konzert "I" nur von Ambience erfreut, ab "II" gibt es Orchester und Solisten im 360-Grad-Schallfeld rundum. Skizzen: Tacet

In der nächsten Praxis lesen Sie: Hologram-Systeme - Ist echtes 3D-Hören überhaupt möglich?