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Multimedia Tipps
Nr. 23

Wohin geht die Musikindustrie?

Musik tanzt auf vielen Kir(ch)tagen: als CD, MP3, SACD, DVD-Video und -Audio.


Cannes ist nach wie vor ein allererster Treffpunkt. Nicht nur zu den Filmfestspielen im Frühsommer, sondern gerade im Winter, strömen angeeiste Mitteleuropäer an die Cote d'Azur, um sich hier aufzutauen.
"Midem" heißt im Jänner die wohl wichtigste Veranstaltung für alle Firmen, die mit Musik zu tun haben, Sie stellt so nebenbei den weltgrößte Musikmarkt dar, auf dem alle aktuellen Trends von Stilen und Techniken gehandelt werden. Abgesehen davon, dass sich die Schönsten der Schönen und Erfolgreichsten der Erfolgreichen der Branche - heuer etwa Britney Spears und Cecilia Bartoli - bestaunen ließen, und die Gastronomie wie die Bars der Cote-d'Azur-Stadt von Geschäftsleuten und Anhang überrannt werden.
Nach wie vor gilt die brechend volle, verrauchte Bar des Martinez-Hotels nächtens als guter Ort, Leute und Leutinnen kennen zulernen, doch am Tag sind alle wieder brav und Business-orientiert und arbeiten von 9 bis 19 Uhr brav im Ausstellungsgebäude.
Heuer war das Wetter mäßig, dafür der Geschäftsgang gut, was der durch Napster und CD-Brenner arg gebeutelten Musik-Industrie durchaus wohl tun dürfte.
Etwa 550 Firmen aus mehr als 40 Ländern waren in dieses große Festival-Gebäude am Hafen und der bekannten Ufer-Promenade Croisette gekommen - vor allem kleinere Firmen, die traditionell den Löwenanteil dieser Messe bilden.
Erstaunlich, was es da immer wieder an stilistischer Vielfalt gibt: HipHop, Dance, Esoteric-Wellness-Music, Jazz und Klassik - und wirklich nicht 08/15-Werke - werden mit Inbrunst angeboten und gekauft. Man sucht neue Vertriebe (wo zu wenig passiert ist), besucht alte, und wo alles o.k. scheint, da trifft man die Typen, mit denen man sonst nur mit Telefon oder Email kommuniziert.

Pay, download, aber kopier' nicht vom PC-Drive
Technologisch hätte ich eine Fülle von Internet-Systemen erwartet, doch 2001 - zuerst brachen die New-Business-Aktien ein und dann die Türme des World Trade Centers - hat auch diese Szene arg verstört. Das war vor allem am Ausbleiben vieler US-Firmen zu merken. Natürlich versuchen immer noch einzelne WebSites mit Downloads Geld zu machen, aber hier erwarten Optimisten Gewinne erst in drei Jahren. Zudem halten gerade die Major-Firmen, also die Universals, Warners und Sonys dieser Welt, alle wichtigen Stars am Zügel, so dass ein großes Business auch nur von diesen Firmen gemacht wird.
CDs werden heute liebend gern im PC kopiert: Das ist zumindest bei allem, das nicht Jazz oder Klassik heißt, eine Tatsache. Hier sollen nun immer heftigere Schutzsysteme in CDs eingebettet liegen (etwa Sonys "key2audio"), die schon beim Abspielen jeden PC-Drive verrückt spielen lassen und daher Überspielungen auf die Festplatte unmöglich machen.
Im Internet sucht die Industrie nach einer gemeinsamen Digitalsprache, mit der man Musikstücke erkennen, katalogisieren und letztlich auch verkaufen kann. Hier gibt es mehrere Anbieter, die zumindest Links entwerfen, mit denen sich Firmen mit unterschiedlichen Systemen miteinander verständigen können.
Einstweilen gibt es nur die bei uns bereits verwirklichte "Urheberrechts-Abgabe" als Zwischen-Hilfsmittel: auf jede CD-R, DVD-R, Speicherkarte und auch Festplatte wird als potentielles Kopiermedium ein Betrag eingefordert, der die Rechte der Firmen und Künstler abdecken soll. Mit Erhöhungen ist bald zu rechnen.

MP3 zum Kaufen
MP3 wird jedenfalls von den leichter zu kontrollierenden Systemen WM und AAC befehdet, bleibt aber in seiner Verbreitung ungeschlagen. Nicht nur zum Gag tauchten bei der Midem MP3-CDs auf, die Stundenlange Musik enthalten (so zum Beispiel am Österreich-Stand). Keine dumme Idee. Immerhin kann die Industrie hier mit dem in unserer Stress-Zeit wichtigsten Geschenk aufwarten: Zeit.
Anstatt sich Songs zwar vielleicht gratis, aber stundenlang aus dem Netz laden (die CD-R ist auch nicht gratis) und dann noch ein Artwork und Booklet aus dem Printer (denkt an die sündteuren Farbpatronen) spritzen lassen zu müssen, legt man eben die paar Euro für ein wahrscheinlich besser aussehendes und klingendes Disc-chen hin. Und hat sich einen schönen Abend zu zweit geschenkt.
Es ist wahrscheinlich total toll, seine ganze Musiksammlung in der Hosentasche mit sich zu tragen, aber wer auf Klang steht, wird sich allenfalls outdoor damit anfreunden. Ich lob' mir da schon ein bisschen was dynamischeres und mitreißenderes....
Wie zum Beispiel SACD.

2002 - die SACD-Offensive
Aufnahmetechnisch hat sich seit DSD (der Basis für Super Audio CD) oder 96kHz/24Bit (für DVD-Audio) nichts Neues getan. Der SACD-Pool will 2002 zum Jahr des großen Erfolgs machen, wobei europaweit Preise von 25 Euro pro Disc gelten sollen. Der Katalog umfasst in Europa derzeit 360 lieferbare Titel, wobei das SACD-Marketing große Hoffnungen auf den Einstieg von Universal Music (vormals einer der erklärten DVD-Audio-Proponenten) setzt.
Nun bieten auch neue Kleinfirmen, wie etwa das italienische Label "foné" ihre Aufnahmen auf SACD an, weil sie - so fonés selbstbewusster Chef Giulio Cesare Ricci - "mir das Bild von Musik mit all ihren Klangfarben vermittelt".
Die legendäre "Jazz at the Pawnshop" ist nun, nach allen Stadien bester CD-Masterung, endlich auch als SACD erhältlich (bei FIM; in Österreich derzeit nur über Internet erhältlich).
MultiChannel und Hybrid-Technik dürften endlich zum anerkannten SACD-Standard werden, wobei die Super Audio CD bekanntlich auf die klassische 5.1-Aufstellung, wie bei Filmen üblich, setzt. Das ist zwar die einfachste Anordnung, aber auch eine audiophil fragwürdige, weil der Centerkanal in einem normalen Wohnzimmer nicht unbedingt mehr Klarheit in die Musik bringt. Auf die neue Erforschung der Saal-Höhen-Information setzt derzeit bei SACD vor allem Telarc.
DVD-Audio trat in Cannes nur mit einem kleinen Gemeinschaftsstand in Erscheinung, dafür promoteten aber einige deutsche Kleinfirmen Kombi-DVDs, die ihren besten Sound als DVD-Audio bieten, aber auch in DVD-Videoplayern durch DolbyDigital in Fünfkanal-Surround abspielbar sind. Sie haben nämlich erkannt, dass sich die Spielzeiten von DVDs durch MLP, eine verlustfreie Datenkomprimierung, steigern lässt (SACD besitzt ein ähnliches System).

Surround im Auto und in der Höhe
Während das deutsche Kleinlabel Tacet (in Ö: Musicpartner Weiss) einen Smart in ein rollendes Surround-Studio verwandelte - durchaus so beeindruckend, dass jeder Fahrer nach spätestens fünf Minuten Musik völlig high durch die Gegend düsen würde -, traf ich auch zwei audiophile Entwickler, die auf Höhen-Information schwören: Werner Dabringhaus (vom deutschen Klassik-Label Dabringhaus+Grimm; in Ö: Gramola) und David Chesky (vom gleichnamigen New Yorker Jazz-Klassik-Label; in Ö: Musica).
Beide setzen auf Aufnahme, die den Saal auch in seiner Höhe abbilden. Dabringhaus platziert seine beiden Höhenkanäle über die Frontkanäle in exakt der halben Basisbreite. Stehen die Frontboxen zum Beispiel vier Meter auseinander, so müssen sich die Effektboxen oben in zwei Meter Höhe befinden. Ich hörte eine Spezialdemo, die allerdings (zu) leise ablief, aber dennoch interessante Unterschiede zwischen klassischer 5.1-Aufstellung und dieser 2+2+2-Aufstellung entdecken ließ.
David Chesky, der mit seinem Bruder Norman durch die Messe hetzte, berichtete mir in zehn ruhigen Minuten dagegen von seinem 6.0-System, das sich an der typischen Erstreflexion der meisten Konzertsäle orientiert: Hier muss man - ohne definierte Höhenangabe (von etwa zwei Metern bis zum Plaffond) - die beiden Effektboxen zwischen den Front- und Rear-Boxen platzieren.
Die Geheimzahlen lauten hier 30 und 55 und beziehen sich auf die Winkelgrade vom Sitzplatz aus (0 Grad: Linie vom Hörer zum Center oder zur Mitte zwischen den Frontboxen). Auf jeweils 30 Grad stehen dann die Frontboxen und auf 55 Grad die beiden "Erstreflexions"-Höhenboxen.
2+2+2, das auch vom Schweizer Label Divox (in Ö: Musicpartner Weiss) unterstützt wird, wie auch das Chesky-System kann aus jeder 5.1-Anlage abgeleitet werden, wobei man das einfacher Weise nur bei reinen Musik-Anlagen durchführen sollte. Muss es schnell gehen, kann man bei 5.1-Aufnahmen den Center-Kanal (bei 2+2+2 und Chesky 6.0: links oben) abstecken; der Subwoofer-Kanal (bei 2+2+2 und Chesky 6.0: rechts oben) fällt wahrscheinlich nicht sonderlich auf.
Bei 5.1-Anlagen für Film würde ich wegen des dann immer notwendigen Umsteckens eher von einem Mischbetrieb abraten.
Bei DVD-Videos stellte sich mit "digital images" eine der interessantesten Designer-Firmen aus Deutschland vor: Hier gelang es zum ersten Mal, in eine Opern-Produktion neben mehrsprachigen Untertiteln auch die gesamte Partitur unterzubringen. Drückt man den entsprechenden Befehl auf der DVD-Player-Fernbedienung erscheinen die Noten vor der noch sichtbaren Bühnen-Handlung. Für Musikfreunde, die Noten lesen können, allemal ein Vergnügen.
DVD-Video boomt bei Musik zwar nicht so extrem wie bei Filmen, aber zumindest das in Cannes mit dem "Classical Award" ausgezeichnete Klassik-Label "Arthaus" (in Ö: Gramola), gefolgt von "TDK Media" (in Ö: Lotus Records), in Kürze mit dem heurigen "Neujahrskonzert", fiel durch eine Fülle neuester und zum Teil wirklich innovativ gefilmter Opern und Konzerte auf.

14 Stunden auf einer DVD-Video
Witzig, aber schon jetzt umstritten, ist eine Idee der holländischen Firma Brillant Classics (in Ö: Gramola). Dieses Billigpreis-Label, das Produkte in die ganze Welt verkauft (etwa komplette Mozart- und Bach-Editionen), bringt DVDs heraus, auf denen der gesamte "Ring" von Wagner oder sämtliche Mahler-Symphonien Platz haben - mit 12 bis 14 Stunden sogar in 5.1-Dolby-Digital-Sound (wohl nur mit Ambience). Das bedeutet datenreduzierte Qualität, als schlechter als CD, aber die Originalität, mit der man zehn CDs oder 1 DVD zum selben Preis anbietet, garantiert Umsätze. Und eine andere Supermarkt-Firma propagierte gar DVDs mit MP3-Sound, um Hunderte Stücke auf einer DVD unterzubringen.

CD bleibt der verbreitetste Datenträger
Audiophile Aufnahmen im CD-Format bieten nach wie vor die größte Verbreitungs-Möglichkeit. Nicolas Bartholomée, Frankreichs wohl erfolgreichster Klassik-Tonmeister, setzt bei seinem Ambroise-Label (in Österreich: Extraplatte) auf die eigene Highbit-Technik, während Todd Garfinkle den guten Klang seiner MA-CDs auf spezielle Mikrofone und die 96kHz-Abtastrate (bei "nur" 16-Bit-Auflösung) zurückführt.

Aus Stereo macht 5.1
In der Aufnahmewelt hat sich viel verändert. Die einstigen Aufnahme-Gurus werden nun nicht mehr von den Konzernen bezahlt, sondern arbeiten für teilweise eigene Unternehmen. Berühmtes Beispiel war bei der Midem das Emil-Berliner-Haus, das nun für seine ehemaligen Meister DG, Decca und auch Westminster aufnimmt und überspielt. Die Hannoveraner boten ihre Dienste in Cannes auch neuen Kunden an, die ihre Aufnahme-Künste kaufen wollen.
Wie ich von Stefan Shibata, einem der führenden Entwickler am 4D-System der Deutsche Grammophon, erfuhr, experimentieren sie gerade mit einem rechenaufwendigen System, das es ermöglicht, Nachhall-Parameter aller wichtigen Säle anderen Aufnahmen überzustülpen. Das ermöglichte es etwa, eine zu trockene Orchester-Aufnahme mit dem Hall des Wiener Musikvereins zu verbinden - eine nicht ganz neue Idee, die aber in Zeiten immer schnellerer Rechenoperationen auch in hoher Klangtreue möglich (und bezahlbar) ist. Und man kann auch aus jeder Stereo-Aufnahme eine 5.1-Surround-CD tricksen. Ludwig Flich aus Cannes


Das Festival-Gebäude, in dem auch die Film-Festspiele stattfinden.


Gedränge im Business-Messetrakt unter der Erde


Sieht so unsere vernetzte Zukunft aus? Werbung für Electro hip-hop Telepopmusik


Konzerte regten am späten Abend den Adrenalinspiegel an, wie zum Beispiel die Juan Rozoff Band (Foto: Midem - Daily News)

Fordert sie Britney oder nur ihre Frisur heraus? Newcomerin Shakira, Number 1 n Lateinamerika, Spanien, Türkei und im Libanon (Foto: Epic)

 

 

 

 

 

Die einzige, wahre und schönste Britney Spears beim NRJ-Empfang (Foto: Midem - Daily News)

 

 

 

 

 



Jazzer Brugge Wesseltoft beim Norwegen-Fest in Action
(Foto: Midem - Daily News)