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Der weltgrößte Musikmarkt "Midem
2002" in Cannes hat es in seiner "Classique"-Abteilung
klar widergespiegelt: Musik kommt - durch HomeCinema begünstigt -
immer öfter auch auf DVD.
Deshalb werden Sie hier immer wieder auch Berichte über die neuesten,
bestklingenden und bildlich interessantesten DVDs lesen können.
Musik-DVDs
für Klassik-Einsteiger
Georges
Bizet
Carmen
Placido Domingo, Julia Migenes-Johnson, Ruggero Raimondi,
Faith Esham;
Chor von Radio France, Orchestre National de France; Lorin Maazel
Regie: Francesco Rosi
Aufnahme: Digital. 1984 bei Radio France.
Tonmeister: Michel Garcin
Außenaufnahmen in Spanien
Columbia Tristar 10530
(16:9; Stereo (Dolby Digital 2.0); UT u.a. auch in Deutsch)
Antonio
Vivaldi
The Four Seasons
Kennedy, Englsih Chamber Orchestra
Regie: Geoff Wontor
Aufnahme: Digital. 1989; live im Studio.
Tonmeister: Paul Gunn
EMI DVA 4 92498 9
(4:3; Stereo (PCM)
"Wenn ich meine neueste Heimkino-Anlage Gästen
vorspielen will," erzählte mir unlängst ein befreundeter
Importeur, "dann spiele ich nicht mehr Filme, sondern Musik. Denn
wenn es zischt und kracht, sagt mir bestimmt jemand, dass er das daheim
nie wagen würde. Bei Musik dagegen sind alle viel schneller vom Klang
begeistert."
Verfilmte Klassik-Konzerte sind oft grausam einfallslos, weil die Kameraführung
sich nur selten zu interessanten Blicken aufraffen kann. Die DVD bietet
nun Möglichkeiten, die kein TV-Film und kein Video kann: nämlich
Interviews, Untertitel und Hintergrunds-Material als Bonus anzubieten.
Opern-Muffel und Konzert-Verweigerer werden
staunen
Für Einsteiger bleiben meine beiden liebsten DVDs die Oper "Carmen"
und Kennedy mit den "Vier Jahreszeiten". Warum? Weil sie so
herrlich über konventionelle Erwartungen springen, dass auch Opern-Muffel
oder Konzert-Verweigerer staunen und fasziniert zuschauen werden.
Ganz neu sind beide Produktionen nicht, und so haben die DVD-Produzenten
auf das heute übliche Nachtricksen auf 5.1-Surroundsound verzichtet.
In beiden Fällen gibt es Stereoton, der aber im Fall von Kennedy
erstaunlich lebendig aus der Anlage schnellt; bei "Carmen" handelt
es sich zwar um datenreduziertes 2.0-DolbyDigital, das gewählt wurde,
weil die Oper 147 Spielzeit besitzt, aber auch hier fühlt man sich
dank der bewusst eingesetzten Umweltgeräusche bald mitten ins Geschehen
versetzt.
Wer der Künstlichkeit einer Opernbühne nichts abgewinnen kann,
wird bei Francesco Rosis bunten und hitzedurchfluteten Spanienbildern
dahinschmelzen. Das besitzt Atmosphäre, und da die drei Sängerstars
auch visuell etwas hergeben - nicht nur die rassige Carmen Migenes, sondern
gerade auch die beiden männlichen Kontrahenten Don Jose/Domingo und
Escamillo/Raimondi. Und die Tanzszenen wurden immerhin von der Tanzgruppe
Antonio Gades bestritten, die ja selbst durch ihre "Tango" und
"Carmen"-Verflungen Weltruhm erlangten.
Sehr hilfreich für Nicht-Franzosen oder Text-Auswendig-Kenner sind
die einzublendenden Untertitel; das Menü ist sonst sparsam und bietet
gerade den US-Kinotrailer. Dagegen freut die sehr gute Bildqualität,
die gerade bei Szenen mit hohem Kontrast - etwa grelles Sonnenlicht mit
harten Schatten - vorbildlich (vorausgesetzt, der Projektor oder das TV-Gerät
sind gut eingestellt) von dieser DVD kommt.
Kennedys köstliche Pizza
Eine andere Form von Spannung bringt Kennedys Auseinandersetzung
mit den wirklich nicht selten eingespielten Vivaldi-"Jahreszeiten".
Seine Pizza ist köstlich belegt, denn Kennedy plaudert in seinem
Cockney-Slang über Musik und seinen Zugang zu Vivaldi; hier hätten
Untertitel wirklich nicht geschadet, desgleichen nicht zur Erklärung
der musikalischen Bilder.
Die Regie besitzt sorgt mit britischem Understatement für große
Wirkungen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden schon durch
die unterschiedliche Beleuchtung im Studio erzielt, wobei aufmerksame
Zuschauer ein paar Gags der Orchestermusiker entdecken können.
Viel jugendliches Publikum wurde aus Atmosphäre-Gründen ins
Studio eingeladen, doch es verhält sich gebannt ruhig, während
der Ton nicht nur die Musik, sondern immer wieder auch das Poltern von
Kennedys Punkstiefeln auf dem Studioboden dynamisch mitnimmt.
Die Kameraführung ist so schnell wie Kennedys Geigenbogen, und manche
Schnitte folgen oft notengenau im Takt; das sorgt für Drive, die
Dreiviertelstunde vergeht dementsprechend wie im Flug. Zurecht erhielt
diese Produktion eine "Goldene Rose" im Montreux-Filmfestival.
Die Bildqualität kann mit dem Ton nicht ganz mithalten. Die mäßige
Auflösung liegt am Masterband und ließ sich offenbar seit der
VHS-Cassette und der VideoCD, die ich beide kenne, nicht verbessern. Dagegen
sind jetzt alle analogen Grieselstellen und digitalen Pixelschwächen
ausgemerzt, und mit dem Menü kann man wirklich genau zu den Kurz-Interviews
oder zu jedem Satz eilen.
Selbst wer diese vier Konzerte schon besitzt, wird einen neuen Zugang
zu ihnen bekommen.
Ludwig Flich
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