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Peter I. Tschaikowsky
"1812"-Ouvertüre,
Slawischer Marsch, Capriccio Italien, Festlicher Krönungs-Marsch, u.a.

Erich Kunzel, Cincinnati Pops Orchestra, Symphonie-Chor Kiew; Kanonen des Fünften Virginia-Regiments, Glockenspiel der Church of the Covenant (Cleveland)

Aufnahme: Digital/DSD. Am 13. September 1999 (1812) in der Music Hall, Cincinnati, im August 1998 im Blossom Music Center, Cleveland, und am 22. September 1998 im Masonic Auditorium, Cleveland, USA.
Tonmeister: Jack Renner und Michael Bishop
Masterung: Paul Blakemore und Thomas C. Moore bei Telarc; Petra Smits bei Philips

Telarc/Musica CD-80541 (Super Audio CD; Hybrid: auch als CD abspielbar)*
SACD sowohl in Stereo als auch in Multichannel abspielbar**

Endlich traf sie ein! Seit Monaten angekündigt, dann verschoben, ist die Nachfolgerin der wohl legendärsten Test-CD aller Zeiten nun auch hierzulande erhältlich.
Seit Beginn der Stereo-Technik galt diese Konzert-Ouvertüre, die den Sieg der Russen über die Napoleonische Europa-Armee verherrlicht, als das ideale Effektstück. Tschaikowsky stockt im Finale ein Riesenorchester mit zusätzlichem Bläser-Ensemble, Glockengeläute und eben den berühmten Kanonenschüssen auf. Im Konzert werden aus Umweltschutz-Gründen keine Kanonen sondern große Trommeln verwendet, aber schon auf Vinyl wagten sich die Aufnahmeteams an immer größer Haubitzen und Kanonen.
Die berühmte Knall-Platte stammte vom noch jungen US-Label Telarc und war eine der ersten Digital-Aufnahmen (mit dem SoundStream-Verfahren) überhaupt. Im September 1978 entstand die Produktion, bereits mit dem Cincinnati Pops Orchestra unter Erich Kunzel und den Kanonen des 5.Virginia-Regiments.
Diese "1812" wird nach wie vor unter die 25 bass-stärksten CDs der Welt gerechnet, weil ihre Tiefst-Frequenzen typischerweise bis auf 15 Hertz und sogar darunter böllern. Und das mit voller Power und exakt sechzehn Mal(!), wobei Tschaikowsky jeden Einsatz minutiös in seiner Partitur vermerkte.
"Caution! Digital Cannons! (Achtung! Digital-Kanonen)" stand auf der Hülle; das forderte HiFi-Enthusiasten in aller Welt heraus. Würde die eigene Anlage den Wahnsinns-Impulsen Paroli bieten können? Unglaubliche 800.000 Discs - zuerst LPs, dann sehr bald CDs - wurden verkauft. Ein Rekord, der bei audiophilen Klassik-Platten einmalig ist.
Tausende Tonabnehmer wurden aus der Vinyl-Rille katapultiert, Verstärker gingen in die Knie, und Boxen traten in die Ewigkeit ab. Manche Magazine berichteten gar von zerborstenen Fensterscheiben und einstürzenden Neubauten, aber das könnten auch "Enten" gewesen sein....

Das Remake legt noch einmal an Dynamik zu

Nun folgt das Remake, zeitgemäß im wohl besten Digitalformat der Gegenwart aufgezeichnet: in "Direct Stream Digital" oder "DSD". Vom Master wurden drei Disc-Formate gezogen - die bewährte CD und die beiden neuen Disc-Formate Super-Audio-CD und DVD-Audio (letztere mehrfach verschoben und noch nicht lieferbar).
Während SACD wie DVD-A sogar Surroundton enthalten, liefert die CD ein Stereo-Klangbild, das perfekt die Entwicklung der Digital-Aufnahmetechnik in den letzten zwei Jahrzehnten zeigt. Das Orchester wirkt nun plastischer, stimmiger und dynamischer, und die Klangfarben der Bläser kommen eindrucksvoll zur Geltung.
Dirigent, Orchester und Kanoniere traten wie vor 22 Jahren zum großen Showdown an, wobei die Musikstücke in zwei Sälen und die Kanonen in einem Freilicht-Theater aufgenommen wurden.
Chor, Orchester und Kanonen, dazu die Glockenspiele, mussten genau koordiniert werden, damit sie perfekt zusammen klangen. Dazu verlangte die Surround-Abmischung weitere Tricks, um etwa den Chor in einem weiten Halbkreis vor und neben dem Hörer auftauchen zu lassen, und die Kanonen und Glocken sogar rundum zu erleben.
Die Ouvertüre beginnt gleich mit dem massiven, echt russischen (ukrainischen) Chor aus Kiew, der die alte Zaren-Hymne anstimmt, und bald ertönen die ersten Fanfaren der Marseillaise. Das Ringen um Russland beginnt. Tschaikowsky war ein viel zu guter Komponist, um sein Feuer gleich zu verschießen. Er hob sich die Effekte fürs Finale auf - aber dann heftig!

Achtung! DSD Kanonen!

Die SACD ist bis zur Zeitanzeige 9:45 fast gefahrlos auch mit hohen Pegeln zu fahren, dann sollten Sie die Lautstärke aber zurücknehmen. Denn nach einigen Tiefbass-Impulsen der großen Trommel reiten bald die Kanonen ein - und die knallen in der DSD-Aufnahme wirklich infernalisch.
Nur wer die Wucht und die Impulse einmal kennt, darf auch höhere Pegel wagen. Vorsicht ist allemal angeraten, und Telarc meint, dass die totale Dynamik am leichtesten von Horn-Lautsprechern erblasen werden kann. Ich hab's ausprobiert: Es macht mit guten, klassischen Boxen ebenso enormen Spaß, wenn sich hier auch die Tieftöner kräftig durchstrecken.
Diese Disc bringt insgesamt noch mehr Power als ihre Vorgängerin (wäre ja auch schade gewesen, wenn sie nicht um einiges mehr mitbrächte). Und sie spielt noch um einiges länger, da hier zusätzlich zum "Capriccio Italien" und dem Kosakentanz aus "Mazeppa" auch der Slawische Marsch, der Festliche Krönungs-Marsch und der Walzer und die Polonaise aus "Eugen Onegin" erklingen.
Ein Spektakel der besonderen Art, das gerade in dieser Neu-Fassung in keiner SACD-Sammlung fehlen darf.

Ludwig Flich

* SACDs werden in der Startphase noch nicht in allen Läden aktiv beworben. Deshalb geben wir die Bestellnummer und den Vertrieb genau an, damit Sie die SACDs bei Ihrem Händler ggf. bestellen können.

** Das SACD-Format bietet auch eine Erweiterungs-Möglichkeit in Richtung Surroundsound. Die Daten-Information für 5.1 oder wahlweise 6.0 wird zusätzlich zur Stereo-Version auf die SACD gepresst. Im CD-Abspielmodus ist nur die Stereo-Version vorhanden.

Telarc bietet als eines der ersten Unternehmen auch SACD-Multichannel an. Die SACD-Norm setzt - anders als etwa DVD-A - auf eine einheitliche Abspielnorm, nämlich auf die von Filmen vertraute 5.1-Anordnung: vorne drei Lautsprecher (L-Front, Center, R-Front), hinten zwei (L-Rear und R-Rear), und dazu, falls notwendig, ein Subwoofer. Alle stehen gleich weit vom Hörer entfernt - siehe Abbildung aus dem Telarc-Booklet. Mit einer derartigen Aufstellung werden auch Surround-Musikstücke aufgenommen und im Studio abgehört.

Telarc ließ sich einen Trick einfallen, um auch 3D-Höheninformation zu simulieren. Dabei wird das Signal des Subwoofer-Ausgangs für zwei Monoboxen seitlich an der Wand genützt - siehe Abbildung. Wird ein Subwoofer verwendet, so übernimmt man das Tiefbass-Signal nicht aus der Disc, sondern aus den Hauptkanälen L-Front und R-Front. Die entsprechende Einstellung erfolgt am Surround-Verstärker (Einstellung: "Bass Management").
Dann sausen die Kanonenkugeln auch wirklich über die Köpfe der Zuhörer.