ARCHIV
Maurice Ravel
Boléro
La Valse
Rapsodie Espagnole
Alborada del Grazioso
Daphnis et Chloe: Suite Nr. 2
Pierre Boulez, Cleveland Orchestra (Rapsodie und Alborada), New York Philharmonic; Camerata Singers (in der Daphnis-Suite)
Aufnahme: Analog. Am 21. Juli 1969 in der Severance Hall, Cleveland, Ohio, USA; am 23. Februar, 21. Dezember 1974 und vom 17. bis 22. März 1975 im Manhattan Center, New York, USA.
Produzenten: Andrew Kazdin und Thomas Z. Shepard
Tonmeister: ungenannt; wahrscheinlich Edward T. Graham und Raymond Moore
DSD-Überspielung: Dixon Van Winkle
Sony SS 89411 (pure Super Audio CD; nicht als CD abspielbar)
Sony fordert Detektivspiele geradezu heraus: Auf kaum einer ihrer historischen Aufnahmen wird der Tonmeister/Ingenieur angeführt. Dabei hing es auch früher nicht nur vom Produzenten, sondern vor allem vom Könner hinter den Reglern ab, ob der Klang genial oder mittelmäßig aus den Boxen tönt.
Auf einer meiner alten Quadro-LPs (in SQ-Technik) gibt sich die alte CBS noch offenherzig: Ed Graham, der bis in die 90er-Jahre durch exzellente Aufnahmen auffiel, wird da gemeinsam mit dem "SQ-Remix-Engineer" Ray Moore genannt.
Es ist blanke Ironie, dass Sony heute nicht die alten SQ-Remixe als zusätzliche MultiChannel-Version auf SACD lässt. Aber dahinter steckt wohl dieselbe Starrheit, die verhindert, dass Sony-SACDs auch in CD-Playern abspielbar sind....
Nun zum guten, ja hervorragenden Teil. Pierre Boulez galt vor allem früher als unbestechlicher Musik-Chronometer, der mit akribischer Genauigkeit die Struktur jedes Werke offen legen konnte. Man hörte niemals Oberfläche, sondern "sah" Verzierungen und Konstruktions-Details wie sonst kaum wo.
Das teilte die Musikfreunde in zwei Lager: Die einen liebten ihn für seine präzisen, unbestechlichen und feinst austarierten Interpretationen, die anderen fanden ihn zu kühl und unpersönlich.
Seine Ravel-Liebe indes führte zu etlichen Höhepunkten, die sogar zu zwei Aufnahme-Zyklen führte: der erste in den 70er-Jahren für CBS, die zweite, etwa 20 Jahre spätere für DG.
Hinreißendes Farbenspiel und weite Dynamik
Sony ist natürlich für das CBS-Erbe zuständig und veröffentlicht auf dieser SACD das Beste und Effektvollste, das Boulez in New York und Cleveland einspielte.
Der Klang ist von den ersten Takten des so viel gespielten Boléro absolut hinreißend. Denn die SACD bringt - viel besser als auf den bisherigen identen CDs - die Tiefenschärfe der Originalbänder zur Geltung, mit der man bin in die letzte Musikerreihe hören kann. Bildhaft tauchen da Instrumente auf, und nahezu jedes dieser Stücke wird zum demoreifen Lehrbeispiel, wie man plastisch und dynamisch ein großes Orchester abbilden muss.
Ich verglich diese Disc u.a. mit einer neuen DVD-Audio und -Video des ebenfalls für seinen Ravel berühmten Dirigenten Jean Martinon (EMI/Surround von SQ-Bändern): Die Auswahl (ident bis auf die fehlende Rapsodie und Alborada) ist ansprechend gespielt, aber trotz Raumklangs wirkt das Innenleben vergleichsweise wie in Nebel gepackt. Oder malerischer: bei Martinon sieht man ein impressionistisches Gemälde aus drei Meter Entfernung, bei Boulez dagegen sieht man dazu die Pinselstriche, die sich dann zum Bild verdichten.
Mit Boulez betreten wir eine schillernde Klangwelt, die sich aus einem Mikrokosmos von Flöten, Oboen, Fagotten, Harfen, und was immer einem in einem Riesenorchester an Instrumenten einfällt, zusammen fügt. SACD enthüllt wieder, wie einst die LP, das Farbenspiel, die kleinen sinnlichen Färbungen.
Besonders der so wichtige Bass-Bereich ist gut ausgeleuchtet und wenn der Schlegel einmal das Fell der großen Trommel berührt, dann zeigt sich die Güte und Impulsfestigkeit jeder Anlage. Trotz großer Konkurrenz und vieler neuerer Aufnahmen braucht diese SACD nicht nur keinen Vergleich zu scheuen, sondern kann in der aller ersten Reihe mitmischen. Ludwig Flich