Archiv
Leonard Bernstein
"Candide"-Overture,
Symphonische Tänze aus "West Side Story", Symphonische Suite aus
"On the Waterfront",
"Fancy Free"-Ballett
Leonard Bernstein, New York Philharmonic
Aufnahme: Analog. Am 28. September 1960 (Candide),
am 16. Mai 1960 (On the Waterfront), am 6. März 1961 (West Side Story) im Manhattan
Center und am 11. Juni 1963 (Fancy Free) in der Philharmonic Hall, New York,
USA
Tonmeister: nicht angegeben
Produzenten: John McClure und Howard Scott (Waterfront)
DSD-Masterung: Dixon Van Winkle und Stephen Saper
Sony SS 89043 (Super Audio CD; Single Layer, nur in SACD-Playern spielbar)*
Das ist wohl eine jener Aufnahmen, derentwegen die DSD-Technik
überhaupt erfunden wurde. Sony wollte ja die analogen "Columbia"-Archivschätze
möglichst getreu fürs digitale Jahrtausend konservieren, und so begannen dann
die Tests mit "Direct Stream Digital".
Leonard Bernstein (1918-1990), der wohl genialste Dirigent-Komponist-Pianist-Erzieher
des letzten Jahrhunderts, trainierte Anfang der 60er-Jahre die New Yorker Philharmoniker
zum Weltklasse-Ensemble. Damals entstanden einige legendäre Aufnahmen.
Bei dieser Demo-SACD gelang es den Überspiel-Technikern, selbst die alten Vinyls
zu übertreffen. Wo sich einst CBS gefiel, Solisten durch kühne Drehs am Regler
in den Vordergrund zu ziehen, da hören wir nun diese Aufnahmen so ungeschönt
und ungezoomt, wie sie wohl damals nur im Regieraum erklungen sein dürfte.
Es ist immer wieder erstaunlich und berührend, wenn man an die Quellen bekannter
Werke gelangt. Bernstein hat seine Ouvertüre zu "Candide" mehrfach
eingespielt, aber diese Version dürfte jene mit dem größten Schmiss, mit dem
leidenschaftlichsten Brio und dennoch dem lässigsten Flair sein.
Und auch die Tänze aus der noch jungen "West Side Story" spiegeln
das Feeling der frühen 60er-Jahre wieder. Amerika vibriert vor Energie. Es gibt
viele Aufnahmen - inklusive Bernsteins eigener später für DG -, aber hier wirken
die Bläsersätze so aufmüpfig wie auf kaum einer anderen Aufnahme, die Liebesthemen
zugleich so echt und unverkitscht, dass sie in ihrer Schlichtheit nahe gehen.
Um die unterschiedlichen Aufnahmen unter ein Cover zu bringen, haben die Grafiker
ein verfremdetes, graues Bernstein-Konterfei hingeklatscht. Nichts ist unrichtiger:
Das Original-Cover mit seinen prallen Farben fängt die Stimmung unvergleichlich
besser ein.
Bemerkenswertes Raum-Gefühl
Die Aufnahmen zeichnet durchwegs ein bemerkenswert gutes
Raum-Gefühl mit dem Nachhall eines leeren Saals aus. Die Percussion klackert
und klingelt im Hintergrund, das Blech schmettert von hinten nach vorne, und
die Streicher dürfen vorne richtig sinnlich und strahlend singen.
Im Tiefbass wünschte ich mir manchmal ein bisschen mehr Saftigkeit, aber wenn
die große Trommel einreitet, dann stimmt die Balance. Mag sein, dass die ursprüngliche
Aufnahme die Bässe etwas zurücknahm, weil sonst die LP-Rille zu breit und damit
die Spielzeit zu kurz geworden wäre. Was aber freut, ist, dass das Bandrauschen
kaum merkbar wird.
Bernstein war kein Komponist, der nach Moden schielte. Er war ein begnadeter
Rhythmiker, der durchaus fordernd mit schnellen Taktfolgen umgehen konnte, und
er scheute auch nicht vor starken Kontrasten zurück.
Diese Aufnahme demonstriert den Abwechslungs-Reichtum Bernsteins nachdrücklich,
und wer einmal neben einer mitreißenden "West Side Story" auch die
"Waterfront"-Suite und das Bigband-Ballett "Fancy Free"
erleben will, wird auf dieser SACD Klangfarben und Vibrationen wahrnehmen, wie
sie nur beste Aufnahmen enthalten.
Ludwig Flich
PS: Für Klangforscher gibt es eine fehlerhaft editierte
Stelle zu entdecken. Im letzten Track (25) "Fancy Free Finale" spielt
das Klavier sehr realistisch im - bis aufs Orchester - leeren Saal, mit allen
Rauminformationen, wie sie vor allem SACD bietet. Doch bei 1:21 klingt der letzte
Ton zu rasch ins absolute digitale Null aus. Ein Lapsus, der sich dann bei den
weiteren Instrumenten-Einsätzen nicht wiederholt.
Wahrscheinlich wollten die aktuellen Überspieler den alten Schnittfehler nicht
durch künstlichen Nachhall oder Rauschen verdecken. Was nur für die Genauigkeit
dieser phänomenalen Disc spricht....
| * SACDs werden in der Startphase noch nicht in allen Läden aktiv beworben. Deshalb geben wir die Bestellnummer und den Vertrieb genau an, damit Sie die SACDs bei Ihrem Händler ggf. bestellen können. |