Archiv






Kind of Blue

Miles Davis (tr), Julian "Cannonball" Adderley (a-sax), John Coltrane (t-sax), Bill Evans (p), Paul Chambers (b), Jimmy Cobb (dr); auf Track 2 alternativ zu Evans: Wynton Kelly (p)

Columbia/Sony CS 64935
(Super Audio CD; auch als CD erhältlich)

Es war klar, dass Sony im Startpaket ihrer SACDs diese "Milestones" anbieten würde. Mit den "Sketches of Spain" (ebenfalls auf SACD erhältlich), dann vielleicht noch "Miles Ahead", "Round About Midnight" und "Miles Smiles" kann man dieses Jubiläumsjahr - Miles Davis' 75. posthumer Geburtstag - würdig abhaken.
Müsste ich mich jetzt, heute, für eine einzige Miles-Davis-Scheibe entscheiden, so würde ich wahrscheinlich "Kind of Blue" von 2. März und 22. April 1959 mitnehmen, womit ich in meiner Einschätzung ganz bei den Miles-Fans liege: Dieses Album zählt zu den am meisten begehrten Erinnerungen an den großen Trompeter überhaupt.
Miles und seine legendären Freunde standen damals im Zenith ihrer kurzen Zusammenarbeit. Sie fanden eine aus heutiger Sicht perfekte Harmonie zwischen Coolness und Sinnlichkeit. Das wirkte auf die Zeitgenossen so neu wie der Besuch eines Marsbewohners.
Die vermeintliche Live-Stimmung soll auf einen Trick von Miles zurück gehen: Er hielt die Details der fünf Stücke bis kurz vor den Aufnahmen zurück, und keiner der anderen Musiker hatte jemals diese Stücke gespielt. Erfreulicher Weise spendiert uns die SACD als Bonus auch eine zweite Fassung von "Flamenco Sketches", welche die Improvisations-Breite der Stars erkennen lässt.

Meister des Timings

Faszinierend, wie diese Jazz-Größen ihre Modes und Skalen völlig relaxed aus den Themen ableiten. Miles selbst war ein Meister des Timings, der genau wusste, wie er einzusteigen hatte - horen Sie nur seine Einstiege in "So What" oder "All Blues" -, und so geriet diese Aufnahme zu einem Meister-Beispiel von Spannung und Entspannung.
Die Aufnahme-Qualität ist - bezogen auf ihre mehr als 40 Jahre - hervorragend: emotional und tonal swingend. Die Instrumentalisten stehen nicht nur vor einem im Zimmer, sondern auch die Nuancen des Schlagzeug können mit ganz modernen Digital-Aufnahmen mithalten.
Ohne das leichte Bandrauschen, das nur am Beginn leiser Stücke auffällt, wäre der Eindruck möglicher Weise überwältigend; aber bei Filterungen hätte man sich vielleicht einen kleinen Atmosphäre-Verlust eingehandelt, und das wiedersprach der amerikanischen Remaster-Techniker-Ehre.
Sonys "Legacy"-Serie setzt auf Bio: So wie es aufgenommen wurde, soll es ans Ohr säuseln. Einzig der Tonhöhen-Fehler der früheren LPs, hervorgerufen durch eine falsch justierte Dreispur-Tonband-Aufnahmemaschine, wurde erkannt und behoben. Als Überspieleinheit wurde ein originales Röhren-Tonbandgerät von Presto reanimiert.
Diese "reine" SACD (keine Hybrid-Disc mit zusätzlicher CD-Schicht) wirkt selbstverständlicher, feiner dynamisch pulsierend als die gleichnamige CD. Und sie knistert nicht so wie meine alte, oft gespielte LP, bringt aber dennoch dieselbe Stimmung. Kurzum: Eine Sternstunde.

Ludwig Flich