Die
besten Musik-DVDs
Video-Event
Spanish Night
Sarah Chang (v), Ana Maria Martinez (voc); Berliner Philharmoniker, Placido Domingo
Aufnahme: Digital. Am 1. Juli 2001 in der Waldbühne,
Berlin, Deutschland
Tonmeister: Harry Tressel
Regie: Hans Hulscher
Bildformat: 16:9 (anamorph)/PAL
Tonformate: dts 5.1, Dolby Digital 5.1 und PCM 2.0
TDK/Lotus 10 5123 9 DV-WBSN
Weltweit existieren drei bekannte Klassik-Konzerte, in denen
das Publikum mitmachen darf: die Neujahrskonzerte in Wien, die letzte Nacht
der Proms in London und die Waldbühnen-Konzerte in Berlin. Während
sich die Musikvereins-Besucher erst beim Radetzky-Marsch den Silvester-Kater
aus dem Leib klatschen dürfen, leben die Briten ihren ungebrochenen Patriotismus
- samt Flaggen- und Bären-Schwenken - aus. Hier ist der Elgar-Marsch "Pomp
and Circumstance Nr.1" der Höhepunkt der Promenadenkonzerte in der
Royal Albert Hall.
Die Berliner Waldbühne im Westen der Stadt besteht aus einem riesigen Open-Air-Amphitheater,
wo 22.000 Besucher Platz finden. Im Sommer regiert, zwischen erwartungsvollen
Familien mit Picknick-Körben, auch die Klassik. Genauer: die Berliner Philharmoniker.
Diese geben sich unter dem mit Mikrofonen gepflasterten Zelt mit jährlich
wechselnden Star-Dirigenten ein Stelldichein. So spielten sie letztlich unter
Mariss Jansons, Simon Rattle, Claudio Abbado, James Levine, Daniel Barenboim
und eben 2001 unter Placido Domingo.
Ja, Domingo dirigiert. Für Insider ist dieser Sidestep des Star-Tenor nichts
Neues (und wird in Zukunft sicherlich vom "Spiel-" zum "Standbein"
seiner Karriere werden).
Viva Espana
Jedes Waldbühnen-Konzert stand unter einem Motto, das geschickt das Image
des jeweiligen Dirigenten widerspiegelte: An diesem Juli-Sonntag 2001 war es,
wenig verwunderlich, eine "Spanische Nacht".
Und es gibt Solisten. 2001 gleich zwei: die Sopranistin Ana Maria Martinez,
welche Arien aus spanischen Operetten einstreut, und die kaum 20jährige
Geigerin Sarah Chang, die mit den hier aufgezeichneten und noch mehr Nummern
vor diesem Konzert mit Domingo im Aufnahmestudio stand. Sozusagen auch als gutes
Training.
Man merkt es der koreanisch-amerikanischen Geigerin an, wie gut sie die Atmosphäre
in Sarasates "Zigeunerweisen" und "Carmen-Fantasie" verinnerlicht
hat, und sie lässt einen wirklich staunen, wie viele Töne in schnellster
Geschwindigkeit in höchsten Lagen gespielt und gezupft werden können.
Lyrik und Virtuosität pur, mag auch die eine oder andere Ton-Schwebung
im Eifer des Gefechts auffallen.
Desgleichen brachten der rauchige Sopran und das Outfit der kubano-amerikanischen
Sängerin das Publikum in Hochstimmung, während die Berliner Philharmoniker
mit vollem und schmunzelnden Einsatz auch hinter den netten Tänzen, wie
etwa Moncayos "Huapango" stellen.
Der berühmte Herr Kapellmeister blinzelt während des Taktierens freundlich
ins Orchester, erhält auch immer postwendend das spanische Feuer, das den
Nährboden dieser elf Stücke ausmacht. Showstücke die Rimskys
"Capriccio Espagnol" gehören bei den Berlinern ohnehin zur erweiterten
Zugabenkost.
Die Luft als Bonus
Auch in Berlin gibt es an 12. Stelle den Fix-Bonus: Beim Marsch "Das ist
die Berliner Luft" von Paul Lincke singt das Publikum mit, pfeift gellend
bei "Luft, Luft, Luft" oder schunkelt gutmütig und schwenkt Kinder
und Lichter schwenkt. Hier schnappt sich Placido das Mikrofon und marschiert
vom Podium in die erste Zuschauerreihe, um mitzusingen. Haben Sie's anders erwartet
- na eben.
Ansonsten zeigt diese DVD, wo die Entwicklung (und die Grenzen) der DVD-Technik
liegen. Bei früheren Konzerten gab es zwei Schwachstellen: Farbechtheit
bei Nachtszenen und Detail-Auflösung bei Schwenks ins Publikum.
Diesmal leuchten die Farben sehr schön echt, und Details (Bäume, Blätter,
Gran, Gesichter) kommen gut herüber. Allein Passagen, wo der volle Sonnenschein
in einen Zuschauersektor blendet, sind - gegenüber normal belichteten Bildteilen
- überstrahlt. Solche Kontraste schaffen denn auch nur beste Kino-Filme,
wenn überhaupt. Dafür grieseln auch die Konzert-Abschnitte mit Nachthimmel
kaum, was doppelt freut.
Beim Ton, den man hier durchaus höher aufdrehen sollte, gibt es für
Heimkino-Besitzer keine Alternative zu dts, und die Abmischung setzt einen mitten
ins Geschehen, wobei das Orchester auch raumübergreifend zu hören
ist.
Ein Erlebnis, das jedes Heimkino auf Trab bringt. Nicht nur in Berlin. Ludwig
Flich
Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at
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