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Igor Strawinsky

Miniaturen "Shadow Dances"

Orpheus Chamber Orchestra

Aufnahme: Digital. Im April und Dezember 1996 und im Dezember 1995, in der Recital Hall des Performing Arts Center / State University of New York, USA
Tonmeister: Rainer Maillard (12/95), Andrew Wedman (4/96), Stephan Flock (12/96)

DG/Universal 453 458-2

Wieder ein Strawinsky. Vom Feinsten. Denn schon der junge Igor war ein virtuoser Jongleur in vielen Stilen. Ähnlich Picasso gibt es Perioden, in denen er besonders neo-romantisch, parodistisch dann wiederum extrem asketisch spröde unterwegs war. Doch auch in den herbsten Stellen wusste er genau, wie man Klänge modelliert und sie pikant aufbereitet.
Diese Aufnahmen, die erst im letzten Jahr auf den Markt kamen und in audiophilen Kreisen bald sehr beliebt waren, stellen das Optimum an Abbildungs-Genauigkeit bei mittelgroßen Ensembles dar.
Natürlich waren hier mehr als zwei Mikrofone am Lauschen, aber dennoch versetzen einen die Durchsichtigkeit und die Plastizität dieser Stücke gut in einen leeren Saal, in dem eben eines der besten Kammerorchester der Welt aufspielt.
Gerade diese amerikanische Luxus-Gemeinschaft von tollen Solisten bewies in zahlreichen Aufnahmen (unlängst für Branford Marsalis, den saxofonierenden Bruder von Wynton), was es an Übereinstimmung und Klang-Raffinement drauf hat.
Die Auswahl bietet jedem Musikfreund etwas. Nicht umsonst sind Miniaturen ja minutenkurze Stücke, die schon aus sind, ehe sie richtig begonnen haben, und deren "Pop"-Themen man auch - gerade wegen ihrer Einprägsamkeit - süchtig machen können.

Abwechslungsreicher Tanz-Crossover
Die ironisierende Verwendung von Alltagsmusik hat Strawinsky beim Publikum beliebt und verdächtig gemacht. Wie konnte er einen witzigen Ragtime für ein ehrwürdiges Kammer-Ensemble schreiben oder Suiten zusammenstellen, in denen Galopps, Märsche, Walzer und Polkas in grotesk verzerrter Schräglage vorbei hopsten?
Tango und Jazz-Concertino schnappen mit ihren Synkopen gegen jeden Takt, das verzwirnte Streichquartett verstößt gegen alle guten Romantik-Sitten, und im Oktett und Präludium begegnen einander Jazz und Barock. Strawinsky, der frühe Crossover-Spezialist.
Die Besetzung wechselt von minimalistisch - bloß zwei schmetternde Trompeten oder zwei Fagotte in den kurzen Fanfaren - bis zur vollen Besetzung, wie etwa im knallbunten "Scherzo a la Russe". Für Abwechslung ist gesorgt.
Das sonst unverständliche "Schatten-Tänze" will übrigens meinen, dass alle Stücke dieser CD parodierte Tänze sind: Mag Concerto oder Präludium auf dem Titel stehen, mag auch im Streichquartett Zwölftöniges eingearbeitet sein, so steht immer die Idee eines Tanzes dahinter.
Die in drei Sessionen erstellten Aufnahmen besitzen dasselbe Feeling für Tiefenstaffelung in einem Raum, für satte Klänge und feinste Nuancen.
Trotz druckvoller Dynamik - die große Trommel links hinten bringt auch gemütlichste Lautsprecher in Schwung - dürfen Streicher und Bläser in den schönsten Farben leuchten, und die Seidigkeit von hohen Geigen wie die "holzige" Sinnlichkeit etwa von Klarinetten, wie die metallische von Tuben oder Trompeten lassen viele kulinarische Schwelgminuten zu. Eine hervorragende Mischung.

Ludwig Flich