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Gianluigi Trovesi
Dedalo

Gianluigi Trovesi (a-cl, b-cl, a-sax), Markus Stockhausen (tr, flg-horn), Tom Rainey (dr), Fulvio Maras (perc, effects), John Goldby (b), Frank Chastenier (p), u.a.; die WDR Big Band

Aufnahme: Digital. Von 28. bis 30. Mai 2001 im WDR-Studio 4 in Köln und am 1. Juni 2001 beim Moers New Jazz Festival, Deutschland
Tonmeister: Reinhold Nickel
Masterung: Wolfgang Meyscheider im DMM-Studio, Traunwalchen

Enja/edel ENJ-9419 2

Fast genau vor einem Jahr schrieb ich in dieser Praxis über Trovesis "Nonet" (siehe Archiv). Diese witzige CD blieb ein Insider-Tipp, der mir immer wieder bei aufgeweckten HiFi-Händlern begegnet.
Auch auf seinem aktuellen Album bleibt Gianluigi Trovesi (58) seinem bunten Stil treu. Wenn auch die alten Geigen eingepackt blieben, so erschließt sich beim zweiten Zuhören die geballte Lust des italienischen Klarinetten- und Sax-Multis an barocken Bassverläufen, die "marschieren" müssen wie alte Chaconnen, über deren Melodien dann die Solisten ihre Riffs ausbreiten.
Diese CD stellt auch die alte Frage, was nun "besser" sei: Live oder Studio? Und Sie werden meiner Meinung sein, dass beides Vorteile besitzt. Die Live-Aufnahme wegen ihrer Stimmung, das Studio wegen der besseren Durchhörbarkeit.
Der erste Track ist dem selben Stück vorbehalten wie der letzte, der zwölfte: "Hercab" entstand einmal im WDR-Studio 4 und einmal bei Moers-Festival. Hören Sie bitte gegen die CD-Reihenfolge mit Track 12 (live), um dann zum Track 1 zurück zu springen.

Der Vergleich macht sicher: Studio klingt besser als Live
Da mag die Live-Stimmung dieses im Barock beginnenden und bis zum Free-Jazz reichenden Stückes noch so hoch fliegen (tolle Gitarre- und Trompeten-Soli in Track 9), aber schon die allererste Begegnung mit der Alt-Klarinette Trovesis im Studio zeigt, wo es klanglich lang geht.
Stoßen dann die Percussion-Effekte von Fulvio Maras (wie schon bei "Nonet") dazu, beginnt hinten die Tuba zu marschieren, pulsieren die Drums und erwacht schließlich die ganze Band zu strahlendem Dixieland-Leben, so beginnt das Staunen über diese Produktion. Vorbildlich, wie plastisch Trovesi in der Mitte steht, "zum Angreifen" nahe, bemerkenswert auch, wie entspannt die Kölner swingen, und sich ihr Klavierspieler und Bassist hervor tun.
Während im Studio alle Blas-Instrumente von der Aufnahme vorbildlich stimmig und glänzend fokussiert wurden, und die glitzernden Percussion-Einlagen, von der Dynamik ganz zu schweigen, in jeder HiFi-Vorführung Bewunderer finden wird, wirkt der Live-Mitschnitt (Tracks 11 und 12) funky, aber audiophil doch um Einiges matter.
Alle anderen Tracks entstanden unter akustischen "Reinraum"-Bedingungen, was Trovesis kunstvollem Crossover-Jazz durchaus entgegen kommt. Bass ist König, und ob nun die Nummern rasch oder langsam daher kommen, so baut alles auf dem Fundament auf.
Es gibt an Atmosphäre reiche, ätherische Effekte wie etwa jene in "Herbop" (Track 3) ebenso wie deftige Schlagzeug-Attacken mit Kontrabass- Unterstützung, wie sie in den kurzen "Dances for a King" (Track 4 und 10) oder in "Scotch" (Tr. 8) auftauchen; Latin pulsiert in Track 9 ("Dance for the East"), und wer "Free" schätzt, wird durch die Cluster in "From G to G" (Track 7) belohnt.
Kurzum: ein sehr abwechslungsreiches Album, das bald seine audiophilen Qualitäten - saubere Transparenz und schöne Raumstaffelung - offen legt. Selbst wenn man nicht unbedingt nur Big Band mag, wird man von dieser ungewöhnlichen und oft auch augenzwinkernden Musik mitgetragen.

PS für Trovesi-Bewunderer: Der legendäre altgriechische Labyrinth-Erbauer Dädalus (s. Cover), der mit seinen konstruierten Flügeln aus dem eng gewordenen Kreta floh, flog - ungleich seinem unvorsichtigen Sohn Ikarus - angeblich sonnenfern bis nach Sizilien.
Auch Trovesi baut ein Labyrinth von Noten und entkommt doch jeder (stilistischen) Einengung.
Die meisten Dedalo-Titel hat Trovesi bereits vor exakt zehn Jahren eingespielt - mit seinem Oktett, von dessen Mannschaft außer ihm nur noch Maras über geblieben ist. Vor kurzen kam diese alte "From G to G" wieder in den Handel. In Italien. Vielleicht ein nettes Mitbringsel vom nächsten Trip in den Süden. Ludwig Flich

Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at

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