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Gianluigi Trovesi
Nonet - Round About A Midsummer's Dream
Gianluigi Trovesi (picc-cl, b-cl, a-sax),
Paolo Manzolini (g), Fulvio Maras (dr, perc), Renaud Garcia-Fons (b), Carlo
Rizzo (voc, tamburello), Stefano Montanari (v), u.a.
Aufnahme: Digital. Am 5. bis 8. Juli 1999 live bei der SWR Jazz Session im Tollhaus,
Karlsruhe, und im UKO Studio 1, Baden-Baden, Deutschland
Tonmeister und Masterung: Max Federhofer
Enja/edel ENJ-9384 2
Diese witzige CD war der Insider-Tipp
vieler HiFi-Messen in der letzten Zeit. Unerwartet tauchte hier ein hierzulande
kaum bekannter Interpret aus Italien auf, der sich noch vor kurzem im Grenzbereich
zwischen Jazz und Experiment einen Namen gemacht hatte.
Gianluigi Trovesi (57), der weißbärtige Klarinettist aus Nembro bei Bergamo,
mixt auch hier zwei Kontrast-Stile miteinander: Alte Musik und Jazz. Dass so
etwa gut zusammen passen kann, hat schon Trovesis seliger Klarinetten-Kollege
Fatty George bei seinem Artmann-Villon-Album, eine der frühesten heimischen
Crossover-Produktionen, erkannt.
Trovesi lässt sich von mehreren Stimmungen leiten: von den vorbarocken Gambenschwingern
Neapels, den alten Tänzen aus Bergamo, die später von der Folklore aufgesogen
wurden, und natürlich von swingendem bis zeitgemäßem Jazz. Dass noch der Sommernachts-Traum
von Shakespeare hinein spukt, erhöht nur den Reiz dieser modernen Bühnenmusik.
Realistisch und hautnah
Reizvolles entfaltet sich auf mehreren Ebenen: Zunächst sind die beiden Sessions
extrem realistisch und hautnah eingefangen, so als säßen die Musiker vor einem
im Zimmer - mit ihren wohlgespannten Geigen, dem schillernden Tamburello (Tambourin),
des sirrenden Akkordeons, mittendrin Trovesi mit seinen süß-scharfen "Hölz'ln",
während im Hintergrund der Drummer sensibel bis irrwitzig alle Felle und Becken
in Bewegung setzt.
Sodann muss jeden Audiophilen die Bandbreite sowohl der Besetzung wie auch der
Stile begeistern. Extrem faszinierend entwickeln sich etwa die Solisten-Tracks:
das virtuose Tambourin-Solo in "Puck" (Track 4), der swingende Bass
im "Oberon" (Track 8) oder das vom stimmlosen Brummeln bis in die
höchsten Register auffahrende Akkordeon in "Bottom" Track 12); sehr
witzig marschieren die Tiere auf Track 9 ("Animali in Marcia"), und
die finale "Canzonetta" steigert sich gar aus einer gelungenen Geigen-Rahmenhandlung
bis hin zum Gene-Krupa-reifen Drummer-Solo.
Duftigkeit ist angesagt, wenn rechts das zupfende Cello seine Pizzikati mit
den Glöckchen und Rasseln links harmonisiert, bis Trovesis Klarinette neue Emotionen
in den Raum bringt.
Es gibt viele sogenannte "Gesamtsichten" oder "Crossovers"
und "Fusions", aber diese CD von Trovesi und seinem Nonett darf man
in eine Liga mit dem fantasievollen Amerikaner Uri Caine setzen, der dasselbe
Gespür für schräge und bewusst irreführende Klänge entwickelt hat und sich ebenso
fast immer kulinarisch anhört.
Der einzige Track, der mit avantgardistischer Dissonanz operiert, heißt "Orobop"(Track
5): Er stellt auf infernalische Weise züngelnde Schlangen, Würmer und Spinnen
dar, was nur schwer sympathisch zu schildern ist, bis eine Bergamasca, eben
ein Tanz aus Bergamo, besänftigend wirkt und letztlich in einen Calypso mündet.
Eine höchst abwechslungsreiche CD mit mediterranem Flair und immer neuen, schillernden
Facetten.
Ludwig Flich