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Georg Philipp Telemann

"La Bizarre"
Suite für 2 Trompeten, Pauken, Streicher und Basso continuo in D-Dur
Ouvertüre "Les Nations"
("Die Völker")
Violinkonzert
"Les Rainettes" ("Die Frösche") in A-Dur
Ouvertüre "La Bizarre" in G-Dur

Midori Seiler (v); Akademie für Alte Musik Berlin; Stephan Mai (Konzertmeister)

Aufnahme: Digital. Im März 2001 in Christus-Kirche Berlin-Oberschönweide, Deutschland
Tonmeister: Michael Glaser; Horst Langheinrich

Harmonia mundi/Lotus HMC 901 744

Telemann (1681-1767) war nicht nur Patenonkel des berühmten Bach-Sohns Carl "Philipp" Emanuel. Er war eigentlich der Andrew Lloyd Webber seiner Zeit, der weitaus berühmter war als etwa sein Freund, der Thomaskantor Bach.
Telemann wusste genau, wie man ein Publikum packt, und fiel in Leipzig wie Frankfurt durch Open-Air-Konzerte wie durch Opern auf, zu denen er erstmals Textbücher verkaufen ließ. Er war mit allen berühmten Komponisten seiner langen Lebenszeit bekannt, und wenn man ihm heute - wie auch dem Zeitgenossen Vivaldi - den Vorwurf macht, er habe zu viel und damit auch Beiläufiges komponiert, so muss man eben bedenken, dass diese Musik eben die alltägliche Popmusik der barocken Adeligen und arrivierten Bürger war. Und ohne heutige Radio-Berieselung war damals eben der Bedarf nach ständig verfügbarem Entertainment auf die Live-Musik beschränkt und enorm groß.
Wie auch immer: Telemann ist eine der witzigsten Tondichter dieser Zeit (und wahrscheinlich der Musik überhaupt), weil er sich für viele Gelegenheiten Parodien einfallen ließ.
Die "Völker"-Ouvertüre zum Beispiel fängt ganz harmlos an, bis plötzlich die Türken mit einer Janitscharen-Band einmarschieren, in der die quiekenden Flöten und stampfenden Rhythmen von den Geigen gekonnt imitiert werden; desgleichen fühlt man sich - nach den sehr bodenständigen Schweizern - plötzlich unter die Riesenglocken russischer Kathedralen versetzt, wenn uns die Moskoviter vorgestellt werden.

Love-barock.de
Nachhilfe-Unterricht in allgemein gültiger Biologie erteilt der selbstironische Telemann in seinem doppeldeutigen Love-Concert "Die Frösche". Es bedarf nur wenig Fantasie, den duftigen zweiten Satz mit zärtlichen, nächtlichen Liebesspielen zu identifizieren, und schon der Anfang versetzt uns an einen Teich, wo die Herren der Frosch-Schöpfung um ihre Weibchen buhlen.
Es kommt nun immer auf den Witz der Interpreten an, wie sie mit den fixierten Noten umgehen. Die Akademie für Alte Musik, die früher als das Parade-Originalklang-Ensemble der DDR galt, hat sich physisch extrem verjüngt; die Eckpfeiler, wie etwa Konzertmeister Mai, stammen aber aus der wilden und alternativen Ur-Partie, die seit Anfang mit aktueller Karikierung an alle Telemann-Interpretationen heran ging.
Das macht auch diese CD so außergewöhnlich, und keine der hochkarätigen Konkurrenzen (Pickett bei Decca oder Goebel bei DG) kommt an diese freche Spielfreude heran.
Dazu gesellt sich eine Aufnahme-Technik, die den süß-scharfen Klang der darmbesaiteten Streicher, das Schmettern der Trompeten und das Grollen der Pauken dynamisch und klangecht einfängt und bis in die tiefsten Register wieder gibt.
Da wird die Illusion der großen Kreml-Glocken ebenso vollkommen wie die der wetteifernden Frösche. Und wer im Textbuch nachliest, stößt noch auf andere hörenswerte Gags.
Das ist eine fröhliche CD, für die man sich ein bisschen Zeit zum Aktivhören nehmen sollte, um keine dieser Natur- und Kulturschilderungen zu überhören. Mit den stärksten Effekten (etwa Track 10 "Türken", 12 "Moskoviter" oder 16 "Relinge/Frösche") sind auch leicht Bekannte und Freunde zu überraschen. Ludwig Flich

Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at

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