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Orient-Express Train de Luxe Paris - Constantinople
Trifon Trifonov (a-sax), Stian
Carstensen (accordion),
Fumio Yasuda (p), Kwartet Prima Vista, Filip Simeonov (clar),
Ivailo Atanasovi (tapan,trambuka), u.v.a.
Aufnahme: Digital. Von Juni 2000 bis Juni 2001 an verschiedenen Plätzen.
Tonmeister: Stefan Winter, Carlos Albrecht, Johannes Wohlleben
Mastering: Adrian von Ripka im Juni 2001 in den Bauer Studios, Ludwigsburg,
Deutschland
Winter&Winter/edel 910 066-2
Stefan Winter, der Begründer und Motor hinter dem deutschen Edel-Label
W&W, startete einst mit einer viel diskutierten Ton-Collage vom Markusplatz
in Venedig: Musik kleiner Salon-Orchester tönt aus Caffés, Tauben
flattern durchs Klangbild, Kinder kreischen, Gondeln poltern am Kai - kurzum,
ein Soundtrack wie aus einem Visconti-Film. Also Atmosphäre pur.
Zwischen "ernsthaften" Produktionen mit ungewöhnlichen Künstlern
und ebensolchem Repertoire tauchten in den letzten Jahren immer wieder solche
musikalisch-geografische Bilderalben auf: noch einmal aus Venedig, nun mit Wagner-Musik,
zweimal aus Buenos Aires, natürlich mit Tango, und einmal aus New York,
sozusagen als historische Rückblende auf die frühen Jazz-Dekaden des
20. Jahrhunderts.
Stefan Winter war einer der ersten, der seinem Haus- und Hof-Tonmeister Adria
von Ripka die Kunst von 24/96-Aufnahmen ver-wirklichen ließ, und in den
Bauer-Studios mit höchstem Aufwand (und Highbit-Aufwand) editieren und
mastern ließ.
Diesmal besteigen wir einen Zug, den es so nicht mehr gibt: den legendären
Orient-Express, der Europa von Paris bis nach Konstan-tinopel durchquerte. Stefan
Winter versetzt uns in den Pariser Gare de l'Est, und zwar am 7. Juni 1905,
um 19.30 Uhr.
Damals schien die Welt der großen Kaiserreiche noch heil, und die mondäne
Welt bestieg den luxuriös ausgestatteten Zug, um sich ostwärts zu
begeben - nach München, aber mehr noch nach Wien und Budapest.
Musikwellen über Bahnschwellen
In den Bahnhofslärm des noch existierenden Pariser Ostbahnhofs mischt sich
ein Saxophon, dann ertönt ein Walzer, eine Musette, angestimmt auf einem
Akkordeon. Der Zug setzt sich stampfend und dampfend in Bewegung, und nun wird
man als Hörer in den Speisesaal versetzt, wo immer neue Künstler auftreten.
Erstaunlich, wie die Musik trotz des bewusst eingesetzten Zug-Stakkatos, plastisch
aus den Lautsprechern dringt, das Klavier von Fumio Yasuda ebenso wie das Streichquartett
aus Polen, das wir - entgegen seinem Namen - sicherlich nicht beim ersten Zusammenspiel
(prima vista) erwischen.
Der Aufenthalt in München wird von einem Blaskonzert verkürzt, während
dann in Wien in einem als sehr hallend nachgestellten Westbahnhof (den es heute
leider nicht mehr gibt) der Donauwalzer vorbeitanzt. Budapest wird durch einen
Ungarischen Tanz von Brahms und den Donauwellen-Walzer geehrt, während
sich in Rumänien das Zugabteil in einen Tanzboden verwandelt. Finale ist
der Hauptbahnhof von Istanbul, über dessen Hallanteile mir leider nichts
Audiophiles bekannt ist. Unterstellen wir Stefan Winter, dass er die originale
Akustik, die am 10. Juni 1905, um 22.39 Uhr herrschte, nachstellen konnte.
Das ist eine ungewöhnliche CD: nicht ein Klang-Ereignis, das Instrumente
ohne Nebengeräusche realistisch in das Wohnzimmer stellt, sondern eines,
das Instrumente mit Nebengeräuschen so glaubhaft vermischt, dass man mit
ein wenig Fantasie einen Zeitsprung unternehmen kann - wenn schon nicht in 80
Tagen um die Welt, so doch in 74 Minuten durch das alte Europa.
Ludwig Flich
PS: Die Aufmachung ist vertraut
edel: blau, gold und rot, das Booklet comicartig
(a la Crumb) aufgeputzt. Die CD sollte langsam
und vorsichtig aus W&Ws geliebter Kartonfixierung heraus gezogen werden,
um Kratzer zu vermeiden.