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Neujahrskonzert 2002
Seiji Ozawa, Wiener Philharmoniker
Aufnahme: Digital. Am 1. Jänner 2001 im Großen
Saal des Wiener Musikvereins, Wien, Österreich
Tonmeister: Ulrich Vette
Philips/Universal 468 999-2
Eigentlich war dieses Konzert ein Himmelfahrts-Kommando.
Nach dem Erfolg von Nikolaus Harnoncourt beim Konzert 2001 gaben nur wenige
Musikfreunde dem japanischen Dirigenten Seiji Ozawa eine Chance. Zu Unrecht,
wie die nun allgemein positive Reaktion zeigt. Nach einer bemerkenswerten Promotion-Offensive
mit vielen Zeitungsinterviews und geschickt platzierten Werbe-Einschaltungen
war Ozawa schon vor der TV-Übertragung selbst Nicht-Musikfreunden ein Begriff.
Wie schon in den letzten Jahren üblich, verleiht das weltbekannte Traditionskonzert
zum Neuen Jahr jeder Firma Flügel: In Bestzeit auf dem Markt zu sein, bedeutet
Umsätze, denn die Eindrücke vom Fernsehen sind noch frisch, und so
peilt auch Universal nach kaum einer Woche bereits neue Rekord-Verkaufszahlen
an. Das Cover wird lange vorproduziert, und die Pressmaschinen wärmen bereits
auf, ehe noch der letzten Ton verklungen ist.
Dass auf dem Cover ein anderer Konzertmeister mitspielt als dann im Konzert,
kann dabei eben passieren und zählt für Insider zu denselben Entdeckungen
wie vielleicht ein seitenverkehrtes Motiv auf einer Euro-Banknote.
Goldene Walzerseligkeit
Wo tanzt das heurige Neujahrskonzert mit? Sozusagen in der Luxusklasse der goldenen
Operetten-Seligkeit, wo noch der k.u.k. Kaiser gütig von der Wand schaute.
Ozawa ist ein viel zu intelligenter Dirigent, um nicht die Polkas tuschen zu
lassen und den Wiener Philharmonikern ihre Freiheiten zu gönnen, die aus
einem gewöhnlichen Dreiviertel-Takt erst die unverkennbare Wiener Melange
machen. Die Walzer werden teilweise extrem langsam angegangen, bis sie in Fahrt
kommen (so auch der "Donauwalzer"), und immer wieder nimmt Ozawa das
Tempo zurück, um eine Phrase besonders deutlich zu modellieren. Es gibt
wenigstens drei bisher unbeachtet gebliebene Novitäten zu hören: Joseph
Hellmesbergers rasanten "Danse Diabolique" und Johann Strauß'
"Zivio"-Marsch und die "Elisen"-Polka.
Beide Kleiber-Konzerte (CD bei Sony, DVD bei Universal), dann Karajan (CD bei
Universal, DVD bei Sony) und nicht zuletzt Harnoncourt (CD und DVD bei Warner)
legten mehr Geheimnisse der Strauß-Dynastie frei, faszinierten wegen ihrer
quasi offen gelegten Malerei, die bei Ozawa immer den Goldglanz späterer
Übermalungen zeigt.
Bisher charmanteste Orchesterabbildung
Der aktuelle Klang passt perfekt zum Luxus-Inhalt. Die
Klangfarben dieser 48kHz-24Bit-Aufnahme sind sehr gut gemischt, und Dynamik
wie Tiefenstaffelung ergeben ein recht realistisches Bild dessen, was sich auf
dem Podium und im Saal abspielte.
Tonmeister Vette gilt als Kenner auch der Originalklang-Szene, der weiß,
wie man mit heiklen Schwingungen umgeht; eine seiner spektakulärsten CDs
war die "Alpensymphonie" mit Thielemann und den Wiener Philharmonikern
(DG) - ebenfalls aus dem Musikverein.
Mir scheinen die sonst fleißig genützten Nachkorrekturen, welche
Musik auch aus den beiden Vorkonzerten (30. und 31. Jänner) und den Proben
verwenden, sparsam eingesetzt, weil kleine Unebenheiten im philharmonischen
Einsatz echten Live-Charakter vermitteln. Zudem bilden auch die Publikumsgeräusche
eine lebendige Antwort auf die Musik.
Interessanter Weise wurde die Abfolge des Konzerts nicht eingehalten. Universal
wollte wohl die Essenz auf einer CD unterbringen und verzichtete daher - im
Einklang mit dem Dirigenten - auf drei Stücke. Ähnlich wie einst bei
Karajan (die ebenfalls wegen der CD-Spieldauer gekürzt und anders als im
Konzert gereiht war) eröffnet die "Fledermaus"-Ouvertüre
den musikalischen Reigen. Walzer und Polkas werden dann gut gemischt, und im
Finale kann es ohnehin keine Änderung zur Wirklichkeit geben: "An
der schönen blauen Donau" und Radetzky-Marsch gelten als fixe Zugaben.
Persönlich hätte ich gerne auf die Neujahrswünsche der Musiker
in mehreren Sprachen verzichtet und dafür lieber das eingesparte "Perpetuum
mobile" gehört, aber vielleicht wollen Sie wissen, was "Gutes
Neues Jahr" auch auf Japanisch heißt.
Ozawas Bonus ist der Klang, der auch Muti 2000 und Harnoncourt 2002 an Charme,
Fülle und Seidigkeit übertrifft. Das vor allem macht diese CD hörenswert.
Ludwig Flich
PS: Die DVD-Video - mit dem gesamten Konzert-Programm, wie
es der ORF zeigte - kommt in Bälde von TDK Media in den
Handel (Österreich-Vertrieb: Lotus Records).