Disc der Woche
Die Neapolitaner
Elizabeth Wallfisch (Geige); The Raglan Players, Nicholas Kraemer
Aufnahme: Digital. Vom 28. bis 30. September 2000 in der Kirche St. Jude-on-the-Hill, Hampstead, London, England.
Tonmeister: Mike Clements
Hyperion CDA67230
Barockmusik "hat etwas". Manche behaupten sogar, dass ihre Harmonien Alpha-Wellen aussende, welchen nachgesagt wird, zufrieden und glücklich zu machen. Also Feng-Shui auf europäisch und zumindest 300 Jahre alt?
Wie auch immer.
Unter den vielen Strömungen der Barockmusik nimmt jene aus Neapel einen besonderen Rang ein. Brauchten der Sonnenkönig in Versailles und seine englischen Kollegen an der Themse besonderen Pomp, beteten die Leipziger besonders gern zu Bachs Kantaten, und konnte wohl keine Musik besser das gleissende Tageslicht und die nächtlichen Spukgestalten wiedergeben als die Konzerte Vivaldis, so lieferten die Komponisten aus Neapel quasi die eingängige Pop-Musik der Zeit.
Die Neapolitaner besitzen nicht nur einen bis heute eigentümlichen Dialekt, sie waren auch die ersten, welche ihn in die Oper brachten. Um 1740 galten auch ihre Konzerte als die lebenslustigsten, freundlichsten und sonnigsten in ganz Italien, und Komponisten wie Francesco Durante, Leonardo Leo oder der heute noch bekannte Giovanni Battista Pergolesi
Ließen die Herzen ihrer Zuhörer im Takt tanzen.
Dieser Sampler ausgewählter Konzerte rückt die aus Australien stammende Geigerin und Spezialistin barocker Aufführungspraxis Elizabeth Wallfisch - links etwas vor den Raglan-Players - und ihre englischen Originalklang-Kollegen mit seidiger Brillanz ins Klangbild. Gleich der Beginn, ein Konzert Pergolesis enthält die besten Eigenschaften: virtuoser Drive und Lebensfreude in den Ecksätzen und dazwischen eine verträumte Pastoral-Stimmung, die auch durchaus mit gedämpftem Saitenklang (etwa Track 5 und 10) schmeicheln kann.
Vom verlorenen Horn zum modernen Raumklang
Tonmeister Mike Clements und seine Firma "Floating Earth Ltd" gelten in England als bekannte Größen; dank ihres mobilen Digital-Equipments - natürlich auf neuestem, technischen Stand - gelang es ihnen mehrfach für audiophil klingende CDs ausgezeichnet zu werden.
Auch die Kirche St. Jude diente schon vielen Produktionen als Aufnahmeraum - nicht nur Floating Earth. Clements wurde übrigens auch durch eine gewagte Aktion berühmt, als in einer Mahler Fünften mit Barbirolli aus dem Jahre 1969 eine fehlende Hornstelle nachträglich eingefügt wurde - und das 19 Jahre nach der Original-Aufnahme. Hier galt es, die Stereo-Perspektive exakt abzugleichen, damit der neue Horn-Solist ins originale Klangbild eingepasst. Geschichts-Fälschung? Aber selbstverständlich, aber eine gerechtfertigte, da dem Team von 1969 offenbar die Zeit gefehlt hatte, den Maximal-Fehler auszubessern.
Diesmal brauchte Clements nicht so zu tricksen. Es galt, das kleine zwölfköpfige Ensemble so weit vom Kirchenhall zu entkoppeln, dass sich eine gute Harmonie zwischen Direkt- und Indirekt-Schall und eine schöne Raumwirkung einstellt.
Alte Geigen stellen - mit ihrem tonalen Farbenreichtum und ihrer süß-scharfen Brillanz - eine große Herausforderung für die Digitaltechnik und damit auch für die CD dar. Diese Highbit-Aufnahme übernimmt viel von der typischen Charakteristik und kann daher als besonders geglücktes Beispiel moderner Ton-Speicherung gelten. Ludwig Flich
PS: Selbst bei hohen Tönen sollte in Ihrer Anlage nichts kratzen oder schärfeln. Ist das aber der Fall sein, dann empfiehlt sich zunächst - bevor man an neue Geräte denkt - eine Reinigung aller Leitungs-Kontakte (Geräte-Buchsen, Kabel-Stecker): vom CD-Player bis zu den Boxen (s. Tipps). Ludwig Flich
Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at
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