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Wilhelm Friedemann Bach
Concerti
(drei Konzerte und eine Sinfonie)

Karl Kaiser (Flauto traverso), Micahel Behringer (Hammerklavier), Robert Hill (Cembalo); Freiburger Barockorchester, Gottfried von der Goltz (Geige und Leitung)

Aufnahme: Digital. 14. bis 16. Februar 2002 im Schlossbergsaal/SWR, Freiburg, Deutschland
Tonmeister: Martin Nagorni
Produzent: Andreas Neubronner

Carus/ Musicpartner Wilhelm Weiss 83.304


Der älteste Bach-Sohn Wilhelm Friedemann (1710 - 1784) war durch viele Jahre das Aushängeschild des Vaters: Er war 13 Jahre lang Organist der Sophienkirche in Dresden, dann fiel er in Halle und in Leipzig als gefeierter Solist seiner Cembalokonzerte auf. So als hätte er den modernen Begriff der Midlife-Crisis vorweggenommen, bekann er ab seinem 50. Lebensjahr nach persönlicher Verwirklichung zu streben.
Das war um 1770 ein fast unmögliches Unterfangen. Ein Musiker und selbst ein Kapellmeister, blieb ein besserer Diener. Daher konnte sich ein "frei schaffender" Komponist, wenn er dazu nicht als Dilettant aus dem Adelsstand über Vermögen verfügte, nur durch Stundengeben über Wasser halten.
Wilhelm Friedemann, der angeblich bald seinen Kummer zu ertränken pflegte und seine Unkosten durch den Verkauf vieler väterlicher Originalwerke deckte, hinterließ letztlich Frau und Tochter in Armut.
Als die Welt äußerlich noch heil schien, da schrieb er schon Konzerte, die uns Heutigen nie so ganz stimmig scheinen wie die seiner Umwelt. Einerseits folgen sie bewusst der neuen Sturm-und-Drang-Mode und können daher ruppig und ungemütlich wirken, andererseits wollen sie nie den sanften Gegensatz auskosten wie seine Brüder Carl Philipp Emanuel oder Johann Christian .
Wilhelm bürstet oft die Musik gegen den Strich und schmeichelt sich nur selten durch gefällige Themen beim Hörer ein. Rhythmen folgen nicht dem üblichen Schema, sondern plötzlich springt auch ein unerwarteter Halbtakt dazwischen. Man wird in seine bizarre Welt hinein gezogen und bleibt dann doch gern dort, weil sie einfach spannender als die sonstige Rokoko-Kost wirkt.
Das eingängigste Konzert steht am Beginn: Das gerade wieder entdeckte Flötenkonzert lässt dem Solisten den nötigen Raum, um seine Klänge zu entfalten. Vor allem beim Konzert für zwei Cembali und Orchester in Es-Dur sind die Solo-Instrumente viel mehr ins dichte Orchestergefüge verwoben und tauchen nur mitunter auf, um ein paar neue Impulse zu setzen; melodiösere Abschnitte findet man im langsamen Satz. Das Cembalokonzert in e-Moll - hier gespielt auf einem nachgebauten Hammerflügel - bildet die vielleicht harmonischste Mischung zwischen Melodik und Exaltiertheit. Eine Sinfonia in der strengen d-Moll-Tonart zeigt Bach schließlich als Beherrscher des Kontrapunkts.
Wieder entdeckt nach 60 Jahren
Diese Einspielung des Flötenkonzerts wird bereits unter "Sensation" gereiht. Denn vor drei Jahren entdeckten zwei Musikwissenschaftler der Harvard University das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschollene Archiv der Berliner Sing-Akademie in einem Museum in Kiew wieder. Durch spezielle Intervention der deutschen Bundesregierung kehrten die etwa 5000 Werke - darunter viele Barockmusik-Schätzen - im vorigen Jahr nach Berlin zurück. Das Flötenkonzert in D-Dur ist die erste Veröffentlichung daraus. Das Freiburger Barockorchester unter Gottfried von der Goltz muss sich dem Vergleich mit der Musica Antiqua Köln (DG) stellen und gefällt durch eine vitale und auch sinnliche Interpretation, die etwas ruhiger wirkt als etwa die ältere Kölner Produktion mit Robert Hill und Andreas Staier beim Doppel-Cembalo-Konzert, aber dafür mit einem zeitgemäßeren, realistischeren Klang der alten Instrumente aufwarten kann.
Aufnahme-Spezialisten für feinbesaitete Streicher
Das Aufnahme-Team der Stuttgarter Firma Tritonus fiel Kennern durch viele Aufnahmen etwa für Sonys Vivarte-Label (Thema: "Alte Musik") auf. Das bedeutet, dass Produzent Andreas Neubronner, der früher auch selbst hinter den Reglern saß, seit Jahren genau mit der Klang-Sinnlichkeit der alte Instrumente auseinander setzte.
Dieses Wissen fand bestimmt auch Eingang in die Mikrofon-Aufstellung und die Abstimmung, die Martin Nagorni für die Freiburger fand. Die Musiker sind in einem schönen Bogen zu erkennen, und etwa bei der Fuge (Track 5) ziehen die einzelnen Einsätze fein und plastisch von rechts nach links vorüber. Einst bei Goebel knallten die Pauken im Doppelkonzert effektvoller, stachen die Trompeten noch aufgewühlter hervor, aber dafür sind diese Kennzeichen adeligen Prunks hier mehr in den Gesamtklang eingebunden. Sehr voluminös und dennoch viel weicher als moderne Flügel klingt der Cristofori-Clavier-Nachbau, wobei seine virtuosen Passagen bei guten Anlagen wirklich in der Mitte aufblühen.
Somit eine sehr schöne CD für alle Barockfreunde, die mehr als 08/15-Hintergrunds-Geplätscher hören und sich in gut eingefangenen "Alpha"-Wellen der alten Instrumente baden wollen. Ludwig Flich

Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at

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