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Diabelli Variations

Uri Caine (Fortepiano: Erard 1839); Concerto Köln

Aufnahmen: Digital. Von 23. bis 26. Februar 2002 im WDR-Studio, Köln, und von 24. bis 28. Juni, in der Musikhochschule Detmold, Deutschland
Tonmeister: Carlos Albrecht, Christoph Gronartz; Marcel-Raphael Babazadeh, Walter Platte
Mastering: am 17. und 18. Juli und am 20. August, in den Bauer Studios, Ludwigsburg, Deutschland
Mastering: Adrian von Ripka


Winter & Winter/edel 910 086-2

Die Tongemälde von W&W-Boss Stefan Winter zeichnen sich seit jeder durch Fantasie aus. Und perfekte Illusion. Wir reisten schon mit seinem Orient-Express nach Istanbul, hockten in Schumann's Bar in München und streiften unlängst gar durch Rio de Janeiro.
Echte Umwelt-Geräusche und passende Musik - immer perfekt aufgenommen und gemischt - verbinden sich zu täuschender Realität; nur wenige Zuhörer wollen die Tricks des Illusionisten Winter durchschauen: So stimmig ist der Höreindruck, und so schön sehen diese CDs in ihren Karton-Covers aus, die bereits zum W&W-Markenzeichen wurden.
Nun hat Winter eines seiner ehrgeizigsten Projekte auf CD gepresst: die "Diabelli Variations" seines Freundes und Haupt-Pianisten Uri Caine, der u.a. durch seine schrägen Mahler-Impressionen berühmt wurde, und daneben Wagner, Bach, New York und vor kurzem auch Rio huldigte.

Hochzeitsnacht für eine Geschäfts-Idee
Die Diabelli-Variationen sind nun nicht - um Woody Allen zu parodieren - eine Sache, die Herr Diabelli in seiner Hochzeitsnacht durchführte. Sie sind die krönende Antwort eines Genies - Ludwig van Beethoven - auf die Einladung des geschäftstüchtigen Wiener Musikverlegers Diabelli, eine einzige Variation über das von Diabelli selbst komponierte Kurz-Walzerchen zu schreiben. Dieser Einladung folgten etliche Komponisten der Zeit , wie z.B. auch Mozarts Sohn.
Beethovens Meinung über Diabellis Thema gipfelte in einer Einstufung als "Schusterfleck", und gerade deshalb ist Ludwigs Einsatz bemerkenswert, dem Schmarren eine fantasievolle Erweiterung mit mehr als 30 Veränderungen zu gönnen.
Uri Caine nahm Beethovens Lust, ironische Anklänge an eigene und fremde Kompositionen (u.a. Mozart) zu machen, auch zum Kern seiner eigenen Nach-Bearbeitung. Caine, der leidenschaftliche Klassik-Parodist, arrangierte die Originalnoten als 33sätziges Klavierkonzert, einmal total "straight" bearbeitet für Orchester, dann wieder mit erwartet schrägen Seitenblicken auf den Caine'schen Stilmix: Die Fünfte Beethoven, die Eroica und die Mondschein-Sonate werden genau so zitiert wie Jazz-Idiome und moderne Klavier-Sprache.
Witzig, dass der Improvisator aus New York auf das bekannte Originalklang-Ensemble Concerto Köln traf und seine Nach-Bearbeitung beim "Kempen Musikfestival" 2001 uraufführte.

Aus zwei mach' eins
Stefan Winter wollte das Werk unter bestmöglichen Bedingungen produzieren und leistete sich einen Kunstgriff, der in der Klassik höchst selten und in der audiophilen Philosophie absolut verpönt ist: Er ließ das Orchester in Köln am WDR-Stammsitz aufnehmen und den Solisten in Detmold vier Monate später. Caine spielte offenbar zum Playback seine Improvisationen, was deswegen leichter war, als sich seine Passagen selten auf einen Dialog mit dem Orchester einlassen, sondern zumeist mitreden oder ganz allein im Vordergrund stehen. Die wenigen haarigen Stellen ließen sich dann beim Mixen oder beim späteren Mastering - von 24 Bit auf 16 Bit - optimieren.
Wie mir W&W-Tonmeister Adrian von Ripka erzählte, kam es vor allem darauf an, die für Kenner doch unterschiedlichen Hallabmischungen stimmig zusammen zu schweißen. Das Concerto Köln besitzt einen - immer Vergleich zu ihren Warner-Aufnahmen - höheren Hallanteil, was der Musik eine gewissen träumerische Note verleiht. Dennoch sind fast gegensätzlich die Musiker-Positionen nicht verschwommen, sondern sehr gut zu orten, was für eine "verhallte", sehr direkt mikrofonierte Original-Aufnahme spricht. Dafür sprechen auch die recht beißenden Geigen und die wild gewordene, spektakuläre Pauke hinten.
Auch bei Caines 160 Jahre alten Erard-Flügel hört man oft das Innenleben knistern und knacksen, während der Gesamt-Eindruck ebenfalls mit schönem Raumhall (wohl aus der Digital-Konserve) aufgezuckert wurde.
Ich bin gespannt, wie Sie dieses Verschmelzen zweier unterschiedlicher Aufnahmen empfinden. Auf einer guten, aber nicht herausragenden Anlage klang es zum Beispiel sehr dynamisch und auch realistisch, während eine Top-Anlage irgendwie die Künstlichkeit enthüllte: Irgendwie schienen Flügel und Orchester wie in zwei Räumen zu spielen, weil sich die Hallanteile des etwas entfernt sitzenden Orchesters zu selten übers Klavier nach vorne drängen. Insgesamt ein genialer und künstlerisch sicherlich beabsichtigter Trick, mit dem Sie bei jedem Vorführen viel Aufhorchen erzielen werden. Ludwig Flich

PS: Schreiben Sie mir, ob Sie Winters Trick hören können. Take the A-Link unten…

Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at

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