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Dee Dee Bridgewater
This is New

Dee Dee Bridgewater (voc); Thierry Eliez (p, Hammond B3 org & arr. von "Lost In The Stars" & "This Is New"), Louis Winsberg (g), Ira Coleman (b), André Ceccarelli (dr), Minino Garay (perc), Daniele Scannapieco (a-sax), Nicolas Folmer (tr), Denis Leloup (pos); Antonio Hart (a-sax,fl), Juan José Mosalini (bandoneon);
Bernard Arcadio (str.-arr. von "Speak Low" & "My Ship"), Cecil Bridegwater (arr. alles außer "Lost In The Stars" & "This Is New")

Aufnahme: Analog. Am 10. bis 20. November 2001 in den Plus XXX Studios, Paris, Frankreich; weiters am 28. und 29. Dezember 2001 in den Capitol Studios, L.A.; USA (Background-Vocals). Abgemischt am 29. Dezember 2001 und von 2. bis 4. Jänner 2002 in den Capitol Studios, L.A.
Tonmeister: Al Schmitt (auch Abmischung); Jean-Paul Gonnod

Verve/Universal 016 884-2

Nach vier Jahren erfolgreicher "Dear Ella"-Hommage-Tournee kann man es Dee Dee Bridgewater nicht verdenken, dass sie nach neuen Herausforderungen strebte. Angeblich öffnete ihr ein Fest zum 100. Geburtstag Kurt Weills (1900-1950) in Breslau/Wroclaw (Polen) die Ohren.
Natürlich hatte Dee Dee das bekannteste Weill-Stück schon vorher im Repertoire: den Mackie-Messer-Song aus der "Dreigroschenoper"; die Vielfältigkeit seiner Musik schlug sie so in Bann, dass sie nun weitere Lieder ins Repertoire aufnahm und zum ersten Mal beim Montreal Jazz Festival 2000 präsentierte. Mit großen Erfolg.
Dee-Dee ließ sich von Ex-Mann Cecil die meisten Arrangements Maß schneidern, und produzierte das Album - so wie ihre letzten - selbst. Das Risiko kann nicht allzu groß gewesen sein, da sich um die hinreißend aussehende (unglaubliche 52 Jahre junge) Diva nun auch Verve bemüht. Denn eine so charaktervolle Stimme in dieser Spitzen-Liga gibt es weltweit nicht.
Wer erwartet, hier aufmüpfige und fordernde Moritaten zu hören, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Dafür gibt es herrliche Beispiel von Lotte Lenya (der Frau Kurt Weills) bis zu Ute Lemper. Aber Weill selbst, den die Nazis wegen seiner Herkunft (und damit auch wegen seiner "entarteten" Musik ins USA-Exil vertrieben, wollte einfacher komponieren, um vom breiten Publikum leichter verstanden zu werden.
Dee Dee Bridgewater klinkt sich wohl auf dieses Bild ein und liefert in ihrem "Das ist Neu"-Weill-Songbook Interpretationen, die immer ausdrucksvoll, geschmeidig geölt und mitunter auch ein wenig plüschig wirken. Gottseidank halten sich die zuckrigen Streicher-Passagen in Grenzen, und Cecil Bridgewater hat in seinen Arrangements - für neun Musiker - auch pikante Klang-Reize eingebaut:
So beginnt etwa "Bilbao" mit einer Flamenco-Passage Louis Winsbergs, untermalt von Percussion-Akzenten Minino Garays, und das (französisch gesungene) "Youkali" lebt auch vom Bandoneon Juan José Mosalinis. Es gibt auch schnelle Stellen, ja sogar Scat-Vokalisen, wo sich Dee Dee wirklich wieder als Nachfolgerin der großen Swing-Göttinen Ella und Sarah outet. Die am meisten bekannten Stücke, wie "I'm A Stranger Here Myself", "Speak Low" und "September Song" werden vielleicht unerwartet noch von "Here I'll Stay" an Intensität übertroffen.

Der Sound für Analog-Freunde
Wenn der Klang so warm und wohlig wie süße, heiße Schokolade aus den Boxen quillt, dann wandert der Blick in die Begleit-Information, wer denn an den Reglern drehte. Und da ist ein Star der etablierten Pop- und Jazzszene zu entdecken, dessen Aufnahmen vielfach Grammys gewannen: Al Schmitt.
Der geborene New Yorker, der angeblich schon seit seinem siebenten Lebensjahr Studioluft schnupperte, war Produzent u.a. bei RCA, bis ihn der nicht minder bekannte Produzent Tommy LiPuma wieder hinter die Regler lockte.
Die Liste seiner Auszeichnungen zwingt zu hoher Anerkennung, und von seinen 24 nominierten und 11 gewonnenen "Grammy"-Alben profitierten u.a. George Benson, Steely Dan, Quincy Jones, Natalie Cole und Diana Krall. Zu seinen Kunden zählten auch Stars wie Barbara Streisand, Madonna, Ray Charles, Frank Sinatra und natürlich unlängst der neueste Frankieboy, Robbie Williams.
"Schmitty", wie Al im Studio gern genannt wird, schwört auf analoge Aufnahmen und verwendete dazu in den Pariser Plus-XXX-Studios ein Neve-Mischpult (88R), das ihm den gewünschten Handlungs-Spielraum gab. Anders als in der Klassik gehen ja viele Jazz- und Pop-Aufnahmen von einer virtuellen Bühnengestaltung aus, die etwa einen Kontrabass und ein Schlagzeug in einen Kasten mit Glasfenstern verpackt, damit ihre Einsätze entweder nicht untergehen oder nicht die anderen Musiker niederschlagen. Dass dabei alle Sounds mit Kopfhörern an die Musiker weiter geleitet werden, versteht sich von selbst.
Hier gilt es also, diese Einzeltöne zu einem sinnvollen Ganzen zusammen zu fügen, und Schmitts Erfahrung zeigt sich in der Flüssigkeit und Rundheit dieser Aufnahme. Ich könnte mir auch vorstellen, dass er einige seiner Neumann-Röhrenmikrofone auspackte, um den Streichern und der Stimme von Dee Dee jenen Schmelz zu verleihen, den sie auch bei hoher Lautstärke - immer ein guter Test - beibehalten.
Somit ein Album für schöne wie graue Wochenenden, angenehm und lukullisch zu hören. Entspannend.
Ludwig Flich

PS: Lassen Sie nach dem letzten Track die CD weiter laufen.
Dee Dee hat sich einen Gag ausgedacht und lässt - ohne irgend eine Erwähnung im Booklet - nach einer Minute Pause den "Haifisch" aus dem Becken. Hier ließen auch die Musiker "die Sau raus" und spielten nach Herzenslust, wie ihnen der Swing zumute war.. Der Rosarote Panther darf da als Parodie auf den bösen, bösen Messer-Mackie
nicht fehlen, und am Schluss endet der Song im divaschen
Gelächter....

Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at

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