Disc der Woche

The Art of Three

Billy Cobham (dr), Ron Carter (b), Kenny Barron (p)

Aufnahme: Digital. Am 12. und 13. Jänner 2001 auf der Europa-Tournee in Oslo, Norwegen, und Odense, Dänemark
Tonmeister und Masterung: Blaise Grandjean (Nagra)

In & Out/Extraplatte IOR 77045-2


Ganz genau handelt es sich bei dieser CD um ein Pilotprojekt. Wie sich heraus stellen sollte, um ein sehr geglücktes. Denn offenbar schätzt das europäische Publikum zunehmend den Reiz der guten, alten Standards, wie "Autumn Leaves", "Stella By Starlight", "Round Midnight" oder "Someday My Prince Will Come", wenn er von berühmten US-Jazzern geswingt wird.
Mag sein, dass jeder Abgang in die ewigen Jazzgründe, wie der eines Ray Brown, die Verbliebenen doppelt wertvoll erscheinen lässt, und so akzeptiert das Publikum auch bei einem Billy Cobham heute die Kunst der Tradition, wo er doch vor Jahren zu den absolut progressiven "Fusionisten" und Rock-Jazz im Umfeld von Miles Davis zählte.
Es spricht für seine Intelligenz, sein Einfühlungsvermögen und seine Musikalität, dass er mit seinen weltbekannten Kollegen Carter und Barron 2001 auf eine nur kleine Europa-Tournee ging, um die Wirkung aufs Publikum zu erproben. Mittlerweile waren sie heuer bereits wieder unterwegs, und diesmal in alle großen Musik-Metropolen, darunter auch in Wien und London.
2001 hätten die gewählten Auftritts-Orte nicht gegensätzlicher ausgewählt sein können. Die Musiker pendelten in Nachtflügen und fast immer auf der Suche nach irgend einem verlorenen Instrument zwischen Italien und Skandinavien hin und her - und das gerade im frostigsten Winter.

Mit zwei Digital-Tonbandgeräten und acht Spuren unterwegs
Der Mitschnitt war ebenfalls ein Experiment. Cobham, der als Produzent einen feinen Stereo-Mitschnitt nach Hause nehmen wollte, hatte zuerst an eine große Stereo-Aufnahmemaschine gedacht. Doch die in der digitalen Tonwelt berühmte Schweizer Firma Nagra stellte ihm gleich zwei mobile Digital-Tonbandmaschinen DII und einen ihrer besten jungen Techniker zur Verfügung. Beides bewährte sich bei den ständigen Ortswechseln sehr.
Um die Live-Atmosphäre samt den in den Sälen unvermeidlich verstärkten Instrumenten mit den "unplugged sounds" der Richtmikrofone zu verschmelzen, verwendete Blaise Grandjean ein Achtkanal-Mischpult, dessen 24-Bit-Eingänge er auf ein Stereo-Panorama zurecht mixte.
Was sich höchst un-audiophil anhört, führt jedoch bei allen durchdachten Aufnahmen zu guten Ergebnissen. So auch hier.
Die Instrumente sind differenziert abgebildet, und man sollte gar nicht streiten, ob nun Cobhams Schlagzeug mit all seiner Power und seinen duftigen Besen-Streicheleinheiten dominanter aus den Boxen kommt als Barrons Klavier.
Die Stimmverläufe und das sensible Auf-einander-Eingehen aller drei Künstler ist immer genau zu verfolgen, und wäre nicht der Applaus nach jedem Track etwas simpel ausgeblendet (was mit den unterschiedlichen Sessions zusammenhängt), so wäre oft die Illusion vollkommen, vor der Bühne zu sitzen - wenn auch die Positionen von Klavier und Schlagzeug leicht variieren (was man beim "Test-Hüpfen" von Track zu Track bemerken kann).
Eine schöne, ja vergnüglich leicht-sinnige CD, welche gern gibt und den Hörer nicht heraus fordert. Atmosphärisch. Ludwig Flich

Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at

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