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Charlie Haden
Nocturne

Charlie Haden (b)
Gonzalo Rubalcaba (p)
Ignacio Berroa (dr, perc)
Pat Metheny (g)
Joe Lovano (t-sax)
David Sanchez (t-sax)
Federico Britos Ruiz (v)

Aufnahme: Digital. Am 27. bis 31. August 2000 in den Criteria/The Hit Factory Studios, Miami, USA
Tonmeister: Jay Newland
Masterung: Am 19. Jänner 2001. Jay Newland bei River Music, Rowayton, USA

Gitanes/Universal 013 611-2

Nocturne heißt so viel wie Nachtstück, und wenn diese elf Tracks an einem vorbei geflossen sind, dann fühlt man nostalgische Sommernachts-Stimmung. Eine Bar in Miami, ein paar Companeros, die über die alten Zeiten vor dem fidelen "Lider" philosophieren.
Und dazu ertönt nostalgische Musik zum Seele-baumeln-lassen oder zum L'Amour-hatschen oder zum verträumten Kuscheln.
Die Aufnahme lässt keine Moment Zweifel aufkommen, dass es hier um sinnlichen Luxus-Sound geht: Das Klavier von Gonzalo Rubalcaba steht massiv im Raum, und wenn es auch im Diskant glitzert, so dominieren doch seine satten Harmonien in den Mitten- und Basstönen.
Da die Saxes von Sanchez und Lovano satt und rund klingen, und die Mikrofone auch der Geige nicht zu nahe traten, kann man livehaftige Lautstärkepegel fahren, ohne dass es jemals lästig wird.
Charlie Haden, der weltbekannte Bassist, hat sich diesmal in "Sensualitá Latina" (südliche Sinnlichkeit) verliebt und produzierte wieder mit erstklassigen Leuten, die zum Teil ihre Wurzeln im guten, alten Kuba haben, wie Pianist Rubalcaba, Drummer Berroa und Geiger Ruiz. Die nordamerikanische Fakultät vertreten Gitarrist Metheny und Saxophonist Lovano.
Eingespielt wurde "Nocturne" im größten Schmelztiegel kubanischer Musik außerhalb der Insel, nämlich im hitzigen Miami: Fünf Titel sind kubanische Standards und drei stammen aus Mexiko; die verbleibenden drei steuern Haden und sein Pianist Rubalcaba aus eigenen Archiven bei.

Liebes-Geschichten, so süß wie kubanischer Rohrzucker

Der kubanische Bolero, der in Ravels orchestraler Umsetzung auf viele Menschen - nicht nur im "Traumfrau"-Film - anregend wirkte, steht im Mittelpunkt. Sanft fächelt Berroa den Rhythmus dazu, beruhigend wie ein Ventilator an der Bardecke. Charlie und Gonzalo waren sich angeblich einig, dass man beim Hören nichts anderes zu empfinden braucht als das "Wispern von bittersüßen Liebes-Geschichten".
Latin Jazz, Balladen, Lieder, Weltmusik - das alles brodelt in einer süßen Mischung, so echt wie Rohrzucker aus Kuba in entsprechendem Kaffee.
Der samtige Sound schon der Titelnummer "En la Orilla del Mundo (Am Rande der Welt)" lebt den Maßstab für die gesamte Aufnahme. Bald schwingt sich die Geige dazu, und die Minuten schmelzen dahin.
Auch "Noche de Ronda (Die Nacht des Wanderns)" entfaltet sich als geschmeidige Ballade, die von Joe Lovanos Tenor-Sax mit Inbrunst gesungen und von Ignacio Berroa mit Delikatesse mit Bongos und Maracas elastisch kontrapunktiert wird.
So reiht sich eine laue Brise von karibischer Weite und Meer an die nächste, und wer da nicht sofort seine Liebe in den Arm nimmt, ist selbst schuld. Ein sinnliches Sommer-Album, besser als ein "All Inclusive"-Urlaub in Kuba.

Ludwig Flich