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Michael Brecker
Nearness Of You
The Ballad Book
Michael Brecker (t-sax)
Herbie Hancock (p)
Charlie Haden (b)
Jack DeJohnette (dr)
Pat Metheny (g)
James Taylor (voc)
Aufnahme: Digital. Am 18.-20. Dezember 2000 in den Right
Track Recording Studios, New York, USA.
Tonmeister: James Farber Masterung: Am 12. März 2001. Greg Calbi bei Sterling
Sound, New York
Verve/Universal 549 705-2
Es gibt eine audiophile Theorie, wonach das Erscheinungsbild
etwa von Verstärkern schon viel über ihren Klang verrät. Trivial gesagt: ein
schwarzes Design klingt eher neutral, ein champagner-farbener spritzig und brillant.
So etwas funktioniert auch bei guten Artworks auf Platten. Hier kann die vermeintliche
Übereinstimmung allerdings auch einen anderen Grund haben: guten Geschmack der
Produzenten.
Was auch immer bei der neuesten Produktion des Gitarristen Pat Metheny dafür
verantwortlich war - das Coverbild mit dieser weiten, weichen Landschaft und
dem schimmernden, diffusen Licht wirkt auch in der Klang-Ästhetik weiter.
Schon die ersten Klaviertöne und die Akkordschwebungen danach lassen aufhorchen.
Wenn ich auch keinen typischen Steinway-Klang entdecken konnte, so schwang und
schwebte dieser weiche Klang (bis zum Pedal-Anschlag) im ganzen Zimmer; ich
wurde förmlich von wohligen Tonwellen eingehüllt.
Desgleichen die anderen Instrumente, die dahinter platziert sind: die Gitarre
Methenys, der Bass Hadens und vor allem das Panorama-Schlagzeug von Jack DeJohnette.
Bei diesem merkt man nun ganz genau, wie edel Metall klingen kann, wie sein
nuanciertes HiHat-Spiel den Balladen Breckers vorne in der Mitte kleine Goldhäubchen
aufsetzt.
Die Kunst, Stimmungen wirken zu lassen
Während Randy, der ältere Brecker-Bruder, als frauenhaschender "Android"
durch die City rappt und nur zeitweise trompetiert, nähert sich Michael (52)
mit seinem sonoren Tenor-Sax dem Schwersten, das es im Jazz zu spielen gibt:
nämlich Balladen.
Denn hier kommt es darauf an, eine Stimmung, oft nur eine Nuance, über mehrere
Minuten wirken und tragen zu lassen. Nur die besten Interpreten halten eine
derartige Dichte von Atmosphäre ohne Absturz aufrecht.
Brecker, der mit Frank Zappa ebenso zusammen arbeitete wie mit Dave Brubeck
und Charles Mingus, wechselte systematisch vom Funk und Rock zum modernen Jazz
über. Gerade mit Jack DeJohnette und Pat Metheny spielte er immer wieder und
gern zusammen, was der seelischen Übereinstimmung dieses Albums weiter half.
"Nearness Of You" wurde ein durchwegs gelungenes Album. Es zeigt das
sensible Zusammenspiel von fünf Jazz-Größen, in dem keiner der Dominator sein
will. Selbstverständlich trägt Breckers Saxophon die Melodie, aber die Seitenblicke,
die es dem Klavier oder dem Schlagzeug, der Gitarre oder dem Bass zuwirft, verwickeln
alle in beständige Dialoge. Selbst der gewaltige Herbie Hancock spinnt diesmal
nur sanfte Harmonien, um die feinst tarierte Balance nicht zu verschieben.
Duftig und durchsichtig entwickeln sich die Songs, und ich will gar nicht diskutieren,
ob nun "My Ship" nach Kurt Weill oder "Always" nach Irving
Berlin aufs Podest soll - es sind alle Nummern gut und bereiteten mir bei jedem
Hören mehr Freude.
Michael Brecker hat eine eigene Art, sein Sax ausklingen zu lassen, und manchmal
scheint es wehmütig zu singen, wenn die Intonation schwankt. Das ist Geschmackssache
und gehört eben zum persönlichen Stil-Repertoire.
Wie auch die schon gezeichnete, hier durch Nachhall etwas "kulinarisierte"
Stimme von James Taylor, der seinen uralten Song "Don't Let Me Be Lonely
Tonight" einwerfen darf. In dieser Besetzung klang das für mich erstmals
nach richtiger Musik.
Eine zart erfühlte und wunderbar schwebende Zusammenarbeit: Kammer-Jazz auf
höchstem Niveau.
Ludwig Flich
PS: "The Nearness Of You" ist übrigens ein
alter Jazz-Standard und stammt von Ned Washington und Hoagy Carmichael. Er stammt
aus dem Ende der 30er-Jahre und war im Film "Romance In The Dark"
zu hören.