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Heinrich Joseph Baermann
Vier Klarinettenkonzerte

Dieter Klöcker (klar), Prager Kammerorchester; Milan Lajcik (Konzertmeister)

Aufnahme: Digital. Von 6. bis 9. November 2000 in Prag, Tschechien
Tonmeister: Teije van Geest

Orfeo/Musica C 065 011 A

Klarinette ist nicht erst von Giora Feidman oder Sidney Bechet erfunden worden. Sie wurde bereits im Barock und vor allem in der Romantik durch ihre ausdrucksstarken Klangfarben berühmt.
Diese CD birgt eine sensationelle Entdeckung. Heinrich Joseph Baermann (1784-1847) galt als der wohl berühmteste Klarinettist seiner Zeit und war - obwohl echter "Preiss" aus Potsdam - im entfernten München als Holzbläser-Star der königlichen Hofkapelle tätig. Fast 30 Jahre.
Er begeisterte viele berühmte Komponisten seiner Zeit, wie etwa Carl Maria von Weber, Giacomo Meyerbeer und Felix Mendelssohn Bartholdy, die für diesen Ausnahmemusiker auch mund-gerechte Werke schrieben.
Kaum verwunderlich, dass Baermann bald selbst inspiriert zur Kielfeder griff, um seine Technik in eigenen Kompositionen zur Geltung zu bringen. Freunde aus der Komponisten-Szene orchestrierten seine Entwürfe.
Und Baermann klingt gut. So gut, dass ein Stück sogar jahrelang für ein Werk von Richard Wagner gehalten wurde.
Die hier eingespielten drei "Concertinos" und der "Sonate für Klarinette concertant und Orchester" vermitteln die besten Werte der Frühromantik, in dem ein bisschen dramatische Quellwolken aufziehen, aber bald wieder heller, melodiöser Sonnenschein glänzt. Baermann klingt ein bisschen wie Weber mit einem Schuss Rossini und Hummel - und das sind keine schlechten Referenzen.
Die ungewöhnliche und ohrenfällige Einbindung der Pauke ins Concertino g-moll (Tracks 1, 3) zeigt Baermann sogar als Experiment-freudigen Komponisten, während durchwegs alle Schluss-Sätze (Tracks, 3,6,9 und 12) durch ihre unbeschwerte Freude am Tänzerischen auffallen.
Baermann soll über einen singenden Ton vom Bassregister bis zum höchsten Diskant verfügt haben, und wenn es eine Beschreibung für das Spiel von Dieter Klöcker gibt, dann heißt das ebenfalls "hinreißend". In seiner langen und erfolgreichen Karriere stöberte er viele Entdeckungen in Archiven auf, was seine Breitbandigkeit nur unterstreicht; in der Virtuosität nimmt es Klöcker trotz seiner 65 Jahre locker mit jedem anderen Star auf. Die Prager Musiker begleiten animiert und vorzüglich.

Wie im Konzert, Reihe 10, Mitte
Teije van Geest begann als Ton- und Schnittmeister verschiedener Firmen und baute über die Jahre geschickt seine komplette Aufnahme-Werkstatt auf, in der Produktionen vom Mikrofon-Setup bis zur Abgabe ans Presswerk betreut werden. Ich lernte van Geest vor Jahren in Wien kennen, wo er mir durch messerscharfes Gehör und perfektes Erinnerungs-Vermögen an Intonations- und Einsatzfehler auffiel.
In Prag vereinte er nun den Aufnahme-Job mit der Funktion des künstlerischen Aufnahmeleiters.
Wenn auch der Aufnahme-Ort nicht verraten wird, so dürfte es sich um eine Kirche oder ein Studio mit gutem Nachhall-Equipment handeln. Denn hier wird einem Ideal gefrönt, das "Konzertsaal-Eindruck" heißt. Die einzelnen Gruppen des Prager Kammerorchesters sind zwar gut und in den Streichern auch mit nötiger Brillanz zu orten, aber man sitzt nicht in der ersten Reihe oder gar am Dirigenten-Pult, sondern nimmt eher in der 10. Reihe, Mitte, Platz.
Der Klarinettist steht erwarteter Weise etwas vorne in der Mitte vor dem Orchester und erfüllt - eingebettet in ein gutes Gemisch aus Erstreflexionen der Saals anstatt nur Direktschalls im Nah-Mikrofon - den Raum mit samt-weichen und geschmeidig ablaufenden Melodien.
Eine jener CDs, mit der Sie Freunde verblüffen und sich selbst einen entspannenden Abend schenken können. Ludwig Flich

Bei Fragen steht Ihnen gerne Ihr Audio-Doktor Ludwig Flich persönlich zur Verfügung. Email: ludwig.flich@chello.at